1 Stunde weg

Ein besonderes Refugium: Stahnsdorfer Südwestkirchhof

Stahnsdorfer SüdwestkirchhofSchwedischer Friedhof Foto: Weirauch

Sich an der frischen Luft bewegen, spazieren gehen, sich auf sich selbst besinnen, zurück schauen, um deutlicher nach vorn schauen zu können – wo kann man das in den bewegten Zeiten besser als auf einem Friedhof? Wieder einmal zieht es uns hinaus nach Stahnsdorf. Der 1909 von der Berliner Synodalgemeinde angelegte Südwestkirchhof ist unser Ziel. Der Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin gehört neben Venedigs Toteninsel San Michele, dem Wiener Zentralfriedhof und Père Lachaise in Paris zweifellos zu den herausragenden internationalen Begräbnisstätten. Was dort längst zur touristischen Pflicht gehört, muss sich hier erst (wieder) herumsprechen. So wirbt der Förderverein des Südwestfriedhofes auf seine Homepage. „Der Südwestkirchhof ist ein Ort der Superlative: der größte Waldfriedhof, die bedeutendsten Denkmäler der Bestattungskunst, die letzte Ruhestätte herausragender Persönlichkeiten, die einzigartige norwegische Holzkirche im Jugendstil.“

Spaziergang auf einmaligen Friedhof

Durch originelle gärtnerische Gestaltung und Anpflanzung von wertvollen Laub- und Nadelgehölzen nach Plänen des Gartenarchitekten Louis Meyer (1877-1949) entstand im Verlaufe von mehr als 100 Jahren ein heute von vielen Berlinern und Potsdamern gern besuchter Naturpark. Mit zahlreichen wertvollen Grabmalen hoher bildkünstlerischer beziehungsweise handwerklicher Qualität und einer nach dem Vorbild norwegischer Stabkirchen errichteten Holzkapelle nach Plänen des Architekten Gustav Werner (1859-1917) gehört der Friedhof zu den einzigartigen Beispielen der Sepulkralkultur und steht deshalb unter Denkmalschutz.

Im Stile norwegischer Holzkirchen, die Kapelle auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof ©Weirauch
die Kapelle auf dem Südwestkirchhof Foto: Förderverein SWK/Ihlefeld

Von den mehr als 120.000 der bis heute dort bestatteten Persönlichkeiten aus den Kirchengemeinden des südwestlichen Berlins, ist Heinrich Zille (1858-1929) wohl die bekannteste. Sein Freund Prof. August Kraus fertigte das Porträt an, das seit 1930 den Grabstein schmückt.

Heinrich Zille
Heinrich Zille

Unweit von Zille ruht der Sozialdemokrat Rudolf Breitscheidt (1874-1944). Die Namen Joachim, Meta und Michael Gottschalk auf einem großen Findling erinnern an ein Schauspielerehepaar, das in der Zeit des Nationalsozialismus keine Überlebenschance in Deutschland mehr sah und am 6. November 1941 den Freitod wählte. Andere Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus sind u.a. Richard Hüttig, Friedrich Weißler, Johannes Noack sowie die jüdischen Familien Zingel und Samter. Gleichsam wie in einem Geschichtsbuch lesend, erhält der Besucher Anregungen, um „nachzuforschen“, so er will.

Stahnsdorfer Südwestkirchhof - 18 (761)
Friedrich Weissler kam im Konzentrationslager um´s Leben

So erinnert der Grabstein von Siegfried  (1881-1926) an ein Kapitel Zeitungsgeschichte, das durch ihn mit der 1905 zunächst als „Schaubühne“ gegründeten Zeitschrift geschrieben wurde. Ab 1918 erschienen in der nunmehr als „Weltbühne“ umbenannten Zeitschrift bissige Artikel zu Ereignissen aus Kunst, Wissenschaft und Politik aus der Feder von Tucholsky, Kästner, Kirsch u.a. . Auch die Grabstätte des Louis Ullstein (1863-1933) ganz in der Nähe ruft Erinnerungen an die um 1921 zum größten journalistischen Einzelunternehmen avancierten Ullstein-Aktiengesellschaft hervor. Doch an der Grabstätte des Zeitungsverlegers sind „fleißige“ Sammler am Werk gewesen, denn die ursprünglich das Einganstor zierenden Putten sind seit den 80ziger Jahren verschwunden. Ein „Freilichtmuseum“ als Selbstbedienungsladen? – Unvorstellbar, aber bis heute Wirklichkeit.

Grabstätte von Zeitungsverleger Louis-Ferdinand Ullstein auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof, Foto: Weirauch
Grabstätte von Zeitungsverleger Louis-Ferdinand Ullstein

„Wer Sprachen spricht, dem öffnet sich die Welt“ – diesem Motto getreu widmete Gustav Langenscheidt (1832-1895) seine wissenschaftlichen und verlegerischen Ideen, die bis heute lebendig und fruchtbar in den Werken seines Unternehmens fortwirken. Wörterbücher aus dem Langenscheidt-Verlag erfreuen ihre Nutzer seit 1856. In einem repräsentativen Familienmausoleum wurde der Verlagsbegründer bestattet.

Mausoleum der Familie Langenscheidt, Foto. Weirauch
Mausoleum der Familie Langenscheidt

„Niemand liebt dich so wie ich, bin auf der Welt ja nur für Dich, diese Augen, diese Lippen – sie sind dein, mein ganzes Glück bist du allein …“ Die Zeilen dieses schönen Liebeslieds, 1974 von Manfred Krug (1937-2016) gesungen, habe ich im Sinn, als ich von der Grabstätte Langenscheidt zur Grabstätte von Elisabeth von Ardenne wandere und den etwas versteckten Grabstein von Manfred Krug entdecke. Etwas abseits gelegen, fand der Musiker, Sänger und Schauspieler seine letzte Ruhestätte.

Unbter einem Baum fand Manfred Krug Ruhe Foto: Weirauch
Unter einem Baum fand Manfred Krug Ruhe

Die schlichte Grabplatte der Elisabeth von Ardenne geb. Freiin von Plotho (1853-1952) führt in das Metier der schreibenden Kunst. Ihr Schicksal gestaltete der märkische Dichter Theodor Fontane in seinem Roman „Effi Briest“.

Grabplatte für Elisabeth von Ardenne auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof, Sept. 2018, Foto: K.Weirauch
Grabplatte für Elisabeth von Ardenne

Der zweite gleichnamige Sohn des Dichters (1856-1933) fand in Stahnsdorf ebenfalls seine letzte Ruhestätte, somit ein Stück märkischer Kulturgeschichte auf dem rund 200 Hektar großen Areal. Nur der Park Sanssouci mit einer Fläche von 290 Hektar ist als geschlossenes Areal im Umkreis größer.

Südwestkirchhof Stahnsdorf
Fontanes Sohn

Auch das Kino zog in den zwanziger Jahren viele Zuschauer in seinen Bann. Namentlich der von Friedrich Wilhelm Murnau (1889-1931) 1922 gedrehte Film „Nosferatu-Symphonie des Grauens“ erregte Aufsehen, begann doch so der bisher bereits mehr als 400mal verfilmte „Dracula“- Stoff von Bram Stoker seine Filmleinwand-Karriere.

Stahnsdorfer Südwestkirchhof, Foto: D.Weirauch
Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau

1924 hatte Murnaus Film „Der letzte Mann“ mit Emil Jannings in der Hauptrolle Premiere. Eine Büste Murnaus, geschaffen von Ludwig Manzel, zieht die Aufmerksamkeit der Besucher an der Grabstätte auf sich.

Stahnsdorfer Südwestkirchhof
Engelbert Humperdinck

Kindheitserinnerungen werden wach am Grab von Engelbert Humperdinck (1854-1921), denn seine 1893 in Weimar unter dem Dirigat von Richard Strauß uraufgeführte Märchenoper „Hänsel und Gretel“ hat seitdem nicht nur unzählige Kinderherzen erobert, auch die Erwachsenen halten dieser Oper die Treue. Sie steht immer wieder auf den Spielplänen der Theater. “Brüderchen komm tanz mit mir, beide Hände reich ich dir …”

Älteren Friedhofsbesuchern wird der Schlager, heute Evergreen, aus dem Bühnenstück „Bunt ist die Welt“ noch in den Ohren klingen. Der Tenor Walter Jankuhn errang durch die Interpretation von „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ beachtlichen Erfolg und Ralph Arthur Roberts-Schönherr (1884-1940) blieb als Autor vielen im Gedächtnis und ließ sie den Weg in sein Theater in der Berliner Behrensstraße finden.

Stahnsdorf
Ralph Arthur Roberts

Ein zweites aussagestarkes Werk Ludwig Manzels kann der Besucher unweit des Friedhofeingangs betrachten. Das „Christusdenkmal“, 1924 im Beisein des Bildhauers auf dem Friedhof eingeweiht, bietet dem Besucher einen Ruhepol, an dem er verweilen kann. Dem Wunsch des Künstlers gemäß fand er seine letzte Ruhestätte gegenüber seinem Hauptwerk, das ursprünglich als Modell für den Dom in Gnesen (Gniezno) vorgesehen war.

Stahnsdorfer Südwestkirchhof,
Christusdenkmal von Carl Ludwig Manzel Foto: Weirauch
Stahnsdorfer Südwestkirchhof
Büste von Manzel für sein Grab
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Löwenrelief wurde nach Kuhnerts Idee vom Bildhauer Georg Roch modelliert
Sprachgenie Emil Krebs

Ein weiteres künstlerisch sehr wertvolles Grabmal, ob seiner ungewöhnlichen Gestalt recht auffällig, kann der Besucher im Kapellenblock betrachten. Das für die Kaufmannsfamilie Wissinger 1922/23 nach dem Entwurf des Architekten Max Taut als expressionistische Raumstruktur aus Beton über der Grabstätte errichtete Kunstwerk ist nach 1990 unter der sachkundigen Führung des Architekten Christoph Fischer rekonstruiert worden. Heute wird es im Rahmen einer Grabpatenschaft gepflegt.

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Grabmal Wissinger von Max Taut

 

Lovis Corinth
Lovis Corinth

Zu bedeutenden Veränderungen in unserem Leben führte die Erfindung der drahtlosen Telegrafie. Zusammen mit Adolf Slaby machte sich Georg Graf von Arco (1869-1940) auf diesem Gebiet verdient. Von 1903 bis 1931 wirkte er als Technischer Direktor bei der „Gesellschaft für drahtlose Telegrafie, System Telefunken“.

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Georg Graf von Arco war Physiker und Elektroingenieur

Die Hoffnung Arcos, dass die Fortschritte der Technik, insbesondere das von ihm mit geschaffene Nachrichtenwesen, und die Vernunft künftig Kriege ausschließen würden, erwies sich zu seinen Lebzeiten als trügerisch. Wie groß ist heute unsere Vernunft angesichts der rasanten Entwicklung der Technik und der durch sie hervorgerufenen Probleme? Hoffnungen damals – Hoffnungen heute – Geschichte vergangen, Geschichte gegenwärtig; ein „Lesebuch“ der Geschichte mit offenen Fragen ist dieser Friedhof. Als 1882 die erste Straßenbahn durch Lichterfelde fuhr, war die Siemens-Halske AG bereits auf ein stattliches Unternehmen angewachsen. 1892 starb ihr Firmengründer Werner von Siemens (1816-1892), dessen wichtigste Entdeckung, das dynamo-elektrische Prinzip, zur treibenden Kraft des technischen Fortschritts in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde.

Südwestkirchhof Stahnsdorf
Siemens-Friedhof Foto: Weirauch
Südwestkirchhof Stahnsdorf
Das Medaillon für Werner von Siemens ist ein Arbeit von Adolf Hildebrand

Im Block Reformation zieht uns ein Grabstein an, auf dem ein eingehauenes Zahnrad daran erinnert, dass hier ein Techniker beerdigt wurde. Es ist das Grab von Conrad Matschoß, Altmeister der Geschichte der Technik und Hochschullehrer. Er fertigte ab 1926 eine Bestandsaufnahme der technischen Denkmale in Deutschland an.

Südwestkirchhof Stahnsdorf
Technikhistoriker Conrad Matschoss

Während des rund zweistündigen Spaziergangs können natürlich nicht alle Grabstätten von bis heute „bekannten“ Friedhofsbewohnern aufgesucht werden.

Stahnsdorfer Südwestkirchhof (12)
Lustspieldichter Kadelburg

Der Tiermaler Wilhelm Kuhnert, der Lustspielautor Gustav Kadelburg, der Kirchenmusiker Hugo Distler, der Maler Lovis Corinth, der Arzt Carl Ludwig Schleich, die Flugzeugingenieure Adolf Rohrbach und Edmund Rumpler, der Begründer des deutschen Naturschutzes Hugo Conwenz und viele andere – sie alle haben auf ihre Weise dazu beigetragen, das kulturell-politische Leben im Berlin der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu bereichern.

Carl Ludwig Schleich war Arzt, Philosohph und Musiker, Foto: Weirauch
Carl Ludwig Schleich war Arzt, Philosohph und Musiker,

Stahnsdorfer SWK

Hugo Distler
Hugo Distler
Adolf Rohrbach war Flugzeugkonstrukteur, Foto: Weirauch
Flugzeugkonstrukteur Adolf Rohrbach
Flugzeugkonstrukteur 'Edmund Rumpler
Flugzeugkonstrukteur Edmund Rumpler
Löwendompteur Alfred Schneider
Löwendompteur Alfred Schneider
Stahnsdorfer südwestkirchhof
Kriminalist Ernst Gennat
Foto: Weirauch
Grabanlage Familie Gaspary Foto: Weirauch
Stahnsdorfer Südwestkirchhof
Blick in das Mausoleum Caspary
Stahnsdorfer Südwestkirchhof (14)
Große unbelegte Grabstätte für Bankier Dr. Georg Solmssen
Mausoleum Harteneck
Adolf Wollenberg baute Mausoleum Harteneck

Britischer und italienischer Soldatenfriedhof

Nach dem Ersten Weltkrieg erwarben die britische und die italienische Regierung Flächen innerhalb des Südwestkirchhofs, um dort Ehrenfriedhöfe für ihre in deutscher Kriegsgefangenschaft verstorbenen Armeeangehörigen einzurichten. Die beiden jeweils etwa einen Hektar großen Soldatenfriedhöfe sind bis heute erhalten.

Blick auf den Italienischen Soldatenfriedhof
Englischer Soldatenfriedhof
Englischer Soldatenfriedhof

Sie werden als Kriegsgräber heute vom Land Berlin betreut. Der britische South-Western Cemetery nahm insgesamt 1172 und der italienische rund 1650 Soldaten und Offiziere auf.

Auf dem Südwestfriedhof gibt es zudem ein Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten. Bericht folgt hier später.

Als wir den Friedhof nach unserem Spaziergang verlassen, kommen uns die Worte Maupassants in den Sinn: „Ich gehe gern zwischen den Gräberreihen. Das beruhigt mich, es macht ein wenig schwermütig … Und dann bin ich gern auf Friedhöfen, weil sie für mich gewaltige, ungeheuer bevölkerte Städte sind … Und dann haben wir auf den Friedhöfen Denkmäler, die fast ebenso bedeutsam sind wie die in den Museen.“

Grabpatenschaften

Für die meisten historischen Grabmäler sind die Nutzungsrechte abgelaufen und auch Angehörige, die die Erhaltung und Pflege der Grabstätte übernehmen könnten, existieren meist nicht mehr oder haben nicht die Möglichkeiten. Viele historisch oder kunsthistorisch wertvolle Grabdenkmäler sind vom Verfall bedroht. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Förderverein Südwestkirchhof Stahnsdorf e.V. bemühen sich in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege und verschiedenen Institutionen und Fördern um den Erhalt und die Sicherung dieser Baudenkmale. Eine Möglichkeit den Erhalt der wertvollen Baudenkmale zu unterstützen ist die Übernahme von Grabpatenschaften. Die Paten übernehmen die Kosten für Restaurierung und Sicherung eines historischen Grabmals. Sie können die Grabstätte einfach als Denkmal erhalten, oder aber die Option in Anspruch nehmen sich oder ihre Angehörigen in dieser historischen und repräsentativen Grabstätte beisetzen zu lassen. Auch bereits aus öffentlichen Mitteln restaurierte Denkmäler stehen für eine solche Nutzung zur Verfügung.

Plastik auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof Foto: Weirauch
Auch dieses Grab hat Grabpaten gefunden

Mehr über die einzigartige Holzkirche erfahren Sie hier.

Südwestkirchhof Stahnsdorf
Bahnhofstraße 2, 14532 Stahnsdorf

Internet: www.suedwestkirchhof.de

Hier geht es zu den Audioguideführungen und der App “Wo sie ruhen”

Öffnungszeiten:
April – 30. September: 7 bis 20 Uhr, 1. – 31. Oktober: 7-18 Uhr, 1. November – 28. Februar: 8-17 Uhr, 1. – 31. März: 7-18 Uhr

Förderverein Südwestkirchhof Stahnsdorf:
Infohaus am Haupteingang: Öffnungszeiten ab 6. April: Sa: 13-17 Uhr, So: 10-17 Uhr, Feiertag: 10-17 Uhr
Tel. 0179 3793503

Alle Fotos:Kärstin und  Dieter Weirauch

Nach Corona gibt es wieder regelmäßige Führungen auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf

Stahnsdorfer Südwestkirchhof - 18 (589)
Olaf Ihlefeld, Leiter des Friedhofs, während einer Führung vor der Grabstelle Eberhard