Reise

Auf Deutschlands ältestem Kanal unterwegs: Finowkanal

Finowkanalich (2)

Die Überraschung ist gelungen. Wer Ruhe mit Boot, Kanu oder auch Hausboot sucht und nicht mit Hunderten Mitbewerbern auf Havel, Spree oder den Wasserläufen des an den Sommerwochenenden chronisch vollen Spreewald konkurrieren will, der ist auf dem Finowkanal im Barnimer Land im Nordosten Brandenburgs genau richtig. Der 43 Kilometer lange Finowkanal, der seine Mitte etwa in der Stadt Eberswalde hat (rund 50 Kilometer von Berlin entfernt), ist die älteste künstliche Wasserstraße in Deutschland, die noch in Betrieb ist.

Was den Finowkanal so einzigartig macht

In diesem Jahr sollte eigentlich der 400. Geburtstag des Kanals in den Anrainerorten des Finowkanals gefeiert werden. Dazu hatte der Förderverein „Unser Finowkanal“ ein opulentes Programm ausgearbeitet. „Corona machte viele Aktionen zunichte,“ bedauert Professor Hartmut Ginnow-Merkert, der Vorsitzende des 78 Mitglieder zählenden Vereins.

Lebt für den Finowkanal: Professor Hartmut Ginnow-Merkert Foto: Weirauch
Engagiert sich für den Finowkanal: Professor Hartmut Ginnow-Merkert Foto: Weirauch

Der pensionierte Industriedesigner hat sein Herz an den Kanal verloren. „Mein größter Wunsch ist, dass der Kanal durchgängig befahrbar bleibt und schrittweise instandgesetzt wird.“ Ebenso wünscht er sich mehr gastronomische Angebote links und rechts der Ufer. Denn der selbst inmitten von Eberswalde idyllisch wirkende Finowkanal leidet unter einer puristischen Infrastruktur. Zwar gibt es einige wenige Ausleihmöglichkeiten für Boote und Kanus, etwa am Marinapark Eberswalde (Alte Badeanstalt). Aber mit touristischen Hotspots, wie beispielsweise dem Bromberger Kanal im benachbarten Polen oder  dem schwedischen Götakanal lässt sich das derzeitige Bild des  Finowkanal noch nicht vergleichen. KapitänThomas Mager vom kleinen Kreuzfahrtschiff LIBERTÈ, der erst unlängst alle Schleusen des Kanals passierte, schwärmt vom Finowkanal gar als Canal du Midi.

Finowkanal – Paradies für Wassersportler

Das Potential dazu wäre durchaus vorhanden. Nur bremsen, wie mir scheint, einige Bedenkenträger die touristische Entwicklung. 1995 war ich bereits einmal auf einem Teil des Kanals unterwegs. Schon damals wirkten einige Anrainerorte nicht sehr zum Wasser hin einladend. Das mag auch mit der DDR-Geschichte zu tun gehabt haben, als der Finowkanal kaum touristisch genutzt wurde. 2016 wurde mit der Wiedereröffnung des sogenannten Langen Trödel die durchgehende Schiffbarkeit für Hausboote interessant.

Impressionen FinowkanalEinzelne Unternehmer, wie die Betreiber der an ein Floß erinnernden „Schippelschute“, helfen den Tourismus auf dem Wasser attraktiv zu machen. In Erinnerung sind mir die Bilder des Finowmaßkahn  „Anneliese“, nach historischem Vorbild gezogen vom Kaltblüter „Blitz“. Querelen mit der Stadtverwaltung und der Tod des rührigen Schiffers Gerd Neumann setzten dem Projekt leider ein Ende. Immer wieder erfolgte Sperrungen einzelner Schleusen trugen dazu bei, dass die Attraktivität des ältesten Kanals nördlich der Alpen sank. Doch seine Renaissance ist eingeläutet. Mittlerweile, und das ist zweifellos mit der Verdienst des von Hartmut Ginnow-Merkert geleiteten Fördervereins, sind die Weichen hin zur Touristenattraktion gestellt.

Ab 2021 soll der unlängst gegründete Zweckverband für die Region Finowkanal in zwei Paketen die Schleusen von der Bundeswasserstraßenverwaltung übernehmen und mit finanzieller Unterstützung des Bundes die erforderlichen Sanierungen in den kommenden Jahren realisieren. Damit soll, so hofft Ginnow-Merkert, die zukünftige durchgängige Befahrbarkeit des Finowkanals gesichert.

Visionär könnte neben dem Tuckern des Kahns „Onkel Peter“ auch  ein solarbetriebenes Boot auf dem Kanal verkehren. Der findige Professor war es, der mit solarbetriebenen Booten, die am Finowkanal entstanden, internationale Preise abräumte. Die Fachpresse war des Lobes darüber voll, vor allem Kinder und Jugendliche beteiligten sich an dem Projekt.

Wechselvolle Geschichte

Ein Blick zurück: Infolge des Dreißigjährigen Krieges war der Kanal fast vollständig verwahrlost und die einzelnen Kanalabschnitte verfielen. Der Finowkanal geriet in Vergessenheit. Erst der preußische König Friedrich II., genannt der Alte Fritz, sorgte für den Neustart. Hartmut Ginnow-Merkers weiß, dass der Kanal, seine industrielle Blütezeit nach dem Ausbau ab 1746 erlebte. Die am Kanal gelegenen Orte Kupferhammer, Wolfswinkel, Drahthammer, Messingwerk und Eisenspalterei avancierten damals zum „Märkischen Wuppertal“. Berühmte Maler kamen hierher, am bekanntesten ist das Walzwerkbild von Carl Blechen. Damals industriell genutzt, sucht der Finowkanal heute nach einer neuen Bestimmung: nachhaltiger Tourismus soll ihn wiederbeleben. Eine 3. Blütezeit deutet sich zaghaft an.

Schleusenstammtisch als Ideenschmiede

Inspirationen dazu gibt es bei den regelmäßigen vom Verein veranstalteten “Schleusenstammtischen”. So gibt es nach wie vor den Wunsch, einen Finowmaßkahn wieder auf dem Kanal fahren zu lassen. Das sogenannte Finowmaß, mit 40,20 Meter Länge, 4,60 Meter Breite und 1,40 Meter Tiefe, wurde 1845 speziell für den Finowkanal festgelegt, als dort die Schleusen erneuert wurden. Alle Schleusen sind exakt 41 Meter lang und 9,60 Meter breit. Dadurch, dass die Schleusentore jeweils versetzt zueinander angeordnet sind, passten zwei solcher Finowmaßkähne nebeneinander hinein.

Blaues Band für Preußens  Industrie

Mit zunehmender Industrialisierung wuchs auch der Verkehr auf dem Finowkanal, er war die Transport-Hauptschlagader für das „Märkisches Wuppertal“ genannte Industriegebiet Finowtal. Chroniken verzeichnen für die Zeit um 1900 jährlich etwa 2,6 Millionen verschiffte Tonnen Güter auf dem Kanal. Mehr als 50.000 Stämme Holz wurden geflößt. Der Kanal erschloss das Finowtal mit dem ostpreussischen Königsberg im Osten, Stettin im Norden und Berlin im Südwesten. Einige Beispiele: So wurde am Bollwerk in Eberswalde gesponnenes Garn per Lastkahn zur Papierfabrik Finow geschafft. Es gab auch regen Fernverkehr auf dem Finowkanal. Die Eisengießerei Budde & Goehde bezog Eisenerz und Koks aus England und Luxemburg sowie Formsand aus Sachsen über den Kanal. Die Firma, deren Ruinen heute besichtigt werden können, stellte einst Gullydeckel für Preußen her. Das E im Deckel verweist auf die Herkunft. „Wir haben hier noch weitere Besonderheiten. So kamen alle im Kaiserreich benötigten Nägel für den Beschlag von Pferden aus der am Finowkanal befindlichen Hufnagelfabrik. Die Firma Hirsch Kupfer- und Messingwerke im Ortsteil Finow stellte ab 1929 sogenannte Fertigteilhäuser aus Kupfer her. Einige davon können heute noch in der Messingwerksiedlung am Wasserturm von außen besichtigt werden. Darüber dann hier später mehr.

Sehenswerte Industriekultur – Geschichte hautnah erleben

Im Stadtgebiet von Eberswalde lädt ein spezieller Pfad der Industriekultur zum Erkunden ein. Die zwölf historischen und heute noch handbetriebenen Schleusen sowie alte Werkshallen und  einstige Kraftwerke rechts und links des Ufers vermitteln dem in einem Boot vorbeifahrenden Betrachter einen etwaigen Eindruck von der früheren industriellen Hochzeit im Finowtal. Manche sagen lost places dazu. Dazu gehört die Borsighalle in Höhe des Familiengartens Eberswalde. Sie gehörte einst zu einer Eisenspalterei. Noch heute kommt der gewaltig wirkenden Halle eine architekturgeschichtlich besondere Bedeutung zu. Die stützenfreie Konstruktion aus halbkreisförmigen Eisengitterbögen diente unter anderem als Vorbild für zahlreiche Bahnhofshallen. Gleich nebenan arbeitete die Papierfabrik Wolfswinkel. Die industrielle Produktion begann dort 1834. 1930 wurde die damals modernste Spezial-Papiermaschine Europas in Betrieb genommen. Die handgeschöpften Büttenpapiere (Spechthausen) erlangten zu DDR-Zeiten einen weltweiten Ruf. Sogar die englische Königin Elisabeth ließ sich dort ihr Briefpapier herstellen, heißt es auf einer Info-Tafel.Impressionen Finowkanal

Der Förderverein „Unser Finowkanal“ initiierte auch Infotafeln, wie für einen einzigartige heute unter Denkmalschutz stehenden Eisenbahnwaggonaufzug. Professor Ginnow-Merkert schwärmt von weiteren technischen Meisterleistungen, die wir uns bei einem weiteren Besuch des Finowkanals anschauen sollen. Dazu gehört die sogenannte Teufelsbrücke.1828 wurde die Brücke in Berlin errichtet und in dieser Zeit soll sich angeblich der märkische Dichter Theodor Fontane sogar auf der Brücke mit Emilie Rouanet-Kummer verlobt haben. 1895 wurde sie jedoch, bedingt durch das immer stärkere Verkehrsaufkommen der aufstrebenden Großstadt, demontiert und an den Finowkanal gebracht.

Wer heute auf dem Finowkanal unterwegs ist, der kann nicht nur eine landschaftliche Wildnis erleben, mit ein bisschen Glück bekommt der Hobbyfotograf Biber oder Eisvogel vor die Kameralinse. Man erlebt auch freundliche Schleusenwärter, die mit Engagement und Humor die Handkurbeln der teils hölzernen Schleusentore bedienen. Es wäre ein Jammer, wenn wie an anderen Kanälen mittlerweile aus Kostengründen üblich, die Schleusen automatisiert würden. Schleusenwärter mit ihrem ganz eigenem Charme gehören zu Deutschlands ältestem Kanal. Dem unerfahrenen Skipper geben sie bereitwillig Auskunft und bieten Hilfe.Finowkanal Eberswalde

Schleusen, Schiffe heben

Wenn 2021 im Rahmen von Kulturland Brandenburg das Thema Industriekultur in den Fokus rückt, dann gehören der in die Landschaft (Barnimer Urstromtal) eingepasste Finowkanal und das sich anschließende Schiffshebewerk Niederfinow sicher zu den Highlights des Barnimer Landes. Der Finowkanal ist eine Attraktion für historische und technisch Interessierte. Zudem ist er ein Zusatzangebot für Wasserwanderer, die einmal alle 13 Schleusen des Kanals durchfahren und für den Rückweg den benachbarten schnellen Oder-Havel-Kanal nutzen. Nicht Freizeitkapitäne auf den schnittige Linssen-Yachten sind unterwegs, auch Kanuten, beispielsweise aus Göttingen (Niedersachsen) und Radfahrer aus dem niederländischen Groningen trafen wir während unserer Stippvisite auf dem Kanal.

Lautlos gleitet das Kanu vorüber
Lautlos gleitet das Kanu vorüber

Kundige Bootsfahrten

Einer, der den Finowkanal aus dem Effeff kennt, ist Peter Snaschel, Fischermeister und Kapitän von „Onkel Peter“, einem Bereisungsboot für bis zu 12 Gästen. Snaschel kennt sich auf dem Finowkanal aus, steuert sein Boot gekonnt durch die Schleusen.

Stefan Schnaschel ist Kapitan von "Onkel Peter" Foto: Weirauch
Peter Snaschel ist Kapitän von “Onkel Peter” Foto: Weirauch

Die unter Denkmalschutz stehenden Schleusen werden von Verwaltungshelfern, wie Stefan Diebetz (Stadtschleuse Eberswalde), mit Handkurbeln betrieben. Bis zu 4 Meter hebt oder senkt sich der Wasserspiegel in der Schleuse. Einige Schleusenbauten wurden in den letzten Jahren instandgesetzt, andere warten noch auf Erneuerung.

Finowkanal
Schleusenwärter Stefan Diebetz an der Eberswalder Stadtschleuse Foto: Weirauch

Lange galt der Finowkanal unter Bootsfahrern als Geheimtipp. Auch während unserer Stippvisite empfing uns absolute Ruhe, ab und an kommen Kajaks oder ein Biberfloß vorbei. Hausboote, meist von der Marina Zehdenick gestartet, brauchen für die Passage der Schleusen rund 2 Tage. Es ist ein Höhenunterschied von 38 Meter zu überwinden.  Klassiker ist die Fahrt zu Tal bis zur Schleuse Liepe und dann hinauf mit dem Schiffshebewerk in den parallel verlaufenden Oder-Havel-Kanal (1914 eingeweiht) zurück nach Mildenberg/Zehdenick.

Finowkanal
Schleusenwärter an der Ragöser Schleuse Foto: Weirauch

Finowkanal – Erlebnis der besonderen Art

Die für die touristische Vermarktung des Landes Brandenburg zuständige TMB lobt den Kanal u.a.: „Der Finowkanal ist ein Erlebnis der besonderen Art. Schließlich führt diese Tour entlang der ältesten künstlichen Wasserstraße Deutschlands zu den interessantesten Plätzen der Industriegeschichte Brandenburgs. Zu diesen Wahrzeichen der Industrielandschaft im Finowtal zählt zum Beispiel der 1954 errichtete Montagekran „Eber“ im Familiengarten. Mittlerweile funktionslos geworden, wurde er für die Landesgartenschau Eberswalde saniert und im Jahr 2002 mit einer Aussichtsplattform versehen, der heute im Familiengarten steht. Weil der seit 2007 unter Denkmalschutz stehende Finowkanal zudem gänzlich Sportbooten vorbehalten ist, lässt sich hier die idyllische und ursprüngliche Landschaft besonders gut in Ruhe genießen.“ Hier gehts zur Homepage der TMB.

Start zu einer Radtour auf dem einstigen Treidelweg

Vom Bahnhof Eberswalde (35 Minuten dauert die Zugfahrt vom Berliner Hauptbahnhof) geht es in Richtung Marktplatz. Von dort sind es nur wenige Schritte zur Stadtschleuse. Hier kann man in den Oder-Havel-Radweg, der auf dem einstigen Treidelweg verläuft, einsetzen. Der Oder-Havel-Radweg verbindet den Oder-Neiße-Radweg mit dem Havelradweg.

Ragöser Schleuse am Finowkanal
Ragöser Schleuse am Finowkanal Foto: Weirauch

Tipps und Informationen:

Internet: www.finowkanal-industriekultur.de

Ausleihe für Boote: Unter anderem im Marinapark Eberswalde, dem ehemaligen Eberswalder Stadtbad: www.marinapark-eberswalde.de

Förderverein „Unser Finowkanal“: www.unser-finowkanal.eu Der Verein führt auch Finowkanal-Symposien durch, 2021 bereits das siebte Mal.

Interessante Touren mit „Onkel Peter“ bis 12 Personen: Anmeldung bei Peter Snaschel Tel.: 0175/7031160

Schleuseninfos

Die Schleusen sind bis 25.10.2020 geöffnet, täglich von 9.00 bis 16.45 Uhr. Eberswalder Hubbrücke an der Eisenspalterei (zwischen Schleuse Wolfswinkel und Drahthammer) wird täglich von 8.00 Uhr bis 18.00 Uhr im Abstand von zwei Stunden, nach Anmeldung am Schalter vor Ort, für die Durchfahrt geöffnet. Hier gibt es Tipps, wie man richtig schleust.

Infos/Buchtipps

Joachim Nölte: Barnim ein Wegbegleiter, Verlag terra press, 2016, 14,80 Euro,

Kristin Pilz: Außer Betrieb: Industriekultur im Finowtal Ein historischer Reiseführer, VerlagBerlin Brandenburg (vbb), 2018

Christian Härtel: Landschaftspark Finowtal, Ein Industriegebiet im Wandel, bebraVerlag, 2002 (nur noch antiquarisch)

Empfehlenswert das jährlich erscheinende Reisemagazin Barnimer Land (erhältlich bei WITO Barnim unter www.barnimerland.de)

Übernachten

Marinapark Eberswalde

https://www.wilder-eber.de/

Fahrt mit Schippelschute

Traditionell geht es einmal im Jahr im Flößerort Finowfurt zu, wenn Mitglieder des Flösservereins ein Floss zusammenbauen.  Der dortige Flößerverein ist Mitglied in der  internationale Flößervereinigung und erinnert mit einem jährlichen Flößerfest an die Zeit, in der zigtausende Holzstämme auf dem Finowkanal geflösst wurden. Bis um 1970 wurde das Handwerk noch in dem Dorf ausgeübt. Seit 2015 gibt es in Finowfurt eine Flößergasse, die an acht Stelen über das bis um 1970 ausgeübte Handwerk informieren. 1867 wurde das erste Holz von Russland über Polen, die Oder und den Finowkanal bis nach Berlin transportiert, so die Chronik. Das einstige Haus des sogenannten Floß-Regimenters, des hiesigen Floß-Unternehmers, ist am heutigen Treidelweg noch erhalten.

Seit 20 Jahren verkehrt das originelle Floß “Schippelschute” auf dem Finowkanal. 

Törns mit Yachten

ab PUUR Marina Zehdenick (mit Linssen Yachten)

Weiterhin interessant:

Hier gehts zu den beiden Schiffshebewerken in Niederfinow (für Radfahrer auf dem einstigen Treidelweg zu erfahren)

Altes und neues Schiffshebewerk Niederfinow Foto: Weirauch
Altes und neues Schiffshebewerk Niederfinow Foto: Weirauch