Schlösser und Burgen

Traumhafte Kulisse für Mendelssohns Jugendwerk

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Vor der Kulisse des Marmorpalais, inmitten prächtig blühender Rosen, Pelagonien und duftenden Lavendels begann das Sichtachsenkonzert am gestrigen Samstagnachmittag. Acht Musiker der Berlin Chamber Players begleiteten den musikalischen Parkspaziergang mit Felix Mendelssohn Bartholdys Oktett für Streicher op. 20 in Es-Dur. Soviel vorweg: ein wahrhafter musikalischer Leckerbissen.

Zu DDR-Zeiten undenkbar: Blick vom Neuen Garten zur Pfaueneinsel
Zu DDR-Zeiten undenkbar: Blick vom Neuen Garten zur Pfaueneinsel

Der erst sechzehnjährige Mendelssohn schuf mit dem Oktett eines der eindrucksvollsten Kammermusikwerke. Gilt es doch neben seinem Sommernachtstraum als einer Glanzpunkte seines Schaffens. Wegen des drohenden Regens spielten die Musiker das Allegro moderato ma con fuoco und Andante im blumenumkränzten Rondell. Zwei angekündigte Spielorte, der Kaninchenberg und der Durchblick zum Casino Glienicke, wurden ausgelassen. Dafür gab es dort ausführliche Erläuterungen. Eine kluge Entscheidung der Organisatoren des Wandelkonzertes, wie sich später herausstellen sollte.

Fachbereichsleiter Sven Kerschek führte die 80 Gäste über die von ihm als “stumme Führer“ bezeichneten Wege durch Teile des 70 Hektar großen Gartens.  Und gab sich als einer der besten Kenner Peter Joseph Lennés und dessen bis heute nachwirkenden Konzeptes  der immer wieder überraschenden Sichtachsen zu erkennen.

Und Mendelssohns Musik passte auch zum Garten, die zwitschernden Vögel waren wie eine frohe Zugabe in dieser zauberhaften Umgebung. Der Neue Garten gilt als das Erstlingswerk des aus dem Rheinland nach Preußen gekommenen Peter Joseph Lenné. Welch Zufall, dass auch das Oktett von Mendelssohn als das bedeutendste Jugendwerk des Komponisten gilt. Beide gingen an diesem Nachmittag eine Symbiose ein!

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Entstanden ist Mendelssohn Oktett  im Oktober 1825, wo es im Rahmen der Sonntagsmusiken im Berliner Wohnhaus der Familie uraufgeführt wurde.

In der Gruppierung der Streicherpaare, im Spiel mit den Klangfarben und Registern erlebten die Zuhörer den ersten Satz als Geniestreich. Harmonisch war dann auch das Andante zu erleben. Die kraftvollen Bratschen in c-Moll wurden von den Geigen lyrisch beantwortet.

Man hatte den Eindruck, als ob der junge Mendelssohn im neuen Garten selbst unterwegs war. Elf Jahre liegen zwischen der Erstaufführung seines Oktetts und Lennés Dienstantritt am preußischen Hof. Der Gartengeselle, so seine erste Berufsbezeichnung, wohnte damals im Grünen Haus, zwischen Heiliger See und Jungernsee gelegen. Unter Erhalt vieler Bereiche und der Entfernung zu dichter Gehölze bekam der Neue Garten damals große Sichten und Wiesenräume sowie eine gefälligere Wegeführung. Viele Ah und Ohs waren zu hören, als Chefgärtner Kerschek die damals bewusst angelegten Blickverbindungen in die Umgebung erklärte.

Zwischen Grünem Haus und Hasengraben durften die Gäste dann einmal über die Wiese gehen, die sonst von hunderten Badenden genutzt wird. Es eröffnete sich ein bezaubernder Blick hinüber zur Pfaueninsel und zur Heilandskirche. Leider, so Kerschek, werden die Anpflanzungen immer wieder niedergetreten und der wasserseitige Zaun zerstört. Es werden Lagerfeuer auf den biotopgeschützten Wiesen entfacht, Marmorsockel von Skulpturen und Gehölze werden als Fahrradständer „genutzt“. Es war nicht der erhobene Zeigefinger, hier spricht ein Hüter des UNESCO-Welterbes.

Obwohl nur der Uferweg am Jungfernsee als Radweg freigegeben und entsprechend ausgeschildert ist, werde ungeniert mit Fahrrädern kreuz und quer gefahren. Die Folge sind erhebliche Schäden an den wassergebundenen Wegedecken. Durch „Abkürzungen“ werden zudem angrenzende Wiesenflächen zerstört.

Vorbei an der vom Rotary Klub Potsdam im Jahr 2000 wiedererrichteten Eremitage ging es über teilweise mystische Wege, einst von dem zum Geheimbund der Rosenkreuzer gehörenden König Friedrich Wilhelm II. angelegt, hinüber zur Muschelgrotte.

Davor boten die Musiker das lebendige Scherzo. Dieses hatte einst Fanny Mendelssohn, die Schwester des Komponisten, auf anschauliche Weise gelobt mit den Worten: “Das ganze Stück wird staccato und pianissimo vorgetragen, die einzelnen Tremulando-Schauer, die leicht aufblitzenden Pralltriller, alles ist neu, fremd und doch so ansprechend, so befreundet, man fühlt sich so nahe der Geisterwelt, so leicht in die Lüfte gehoben, ja man möchte selbst einen Besenstil zur Hand nehmen, der luftigen Schar besser zu folgen. Am Schlusse flattert die erste Geige federleicht auf – und alles ist zerstoben.”

Dieses Flattern war dann leibhaftig zu erleben. Nach dem dritten Satz flatterten, wie auf Bestellung Schwäne über den Jungernsee. Wenig später schwommen Jungschwäne mit ihren Eltern am schilfumsäumten Ufer entlang. Welch schöner Anblick. Zum kraftvollen Presto zogen Gänse in Flugformation am Himmel vorüber.

Zuvor konnte die Crystal- und Muschelgrotte, einst ein versteckter Aufenthaltsort für Teegesellschaften, besichtigt werden. Der „Förderkreis Muschelgrotte im Neuen Garten Potsdam e. V.“ sammelt für die Wiederherstellung Spenden. Nur Insider wussten, dass Mitglieder des Fördervereins auch unter den Teilnehmern der letzten Station des Wandelkonzertes waren. So erlebten sie mit, welch Freude das von den Solisten fabelhaft ausgeführte Scherzo und Presto den Zuschauern bereiteten. Langanhaltender Applaus war der Lohn für den bezaubernden Nachmittag.

Kaum waren die Musikinstrumente eingepackt, schon begann ein Starkregen. Den Veranstaltern dank für die so klug arrangierte Änderung des Ablaufs.

 

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