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Besuch im größten Bunker Berlins

Sachsen-bauhaus (14)

Vor einigen Jahren war ich mit Freunden im Hochbunker Heckeshorn . Zuvor hatte ich für die Berliner Morgenpost, deren Redakteur ich über 20 Jahre war, darüber geschrieben. Mich hat das Bauwerk in seiner trotz Morbidität immer noch massiven Bauart fasziniert. Reinster Brutalismus würde man heute sagen. Unter den noch erhaltenen Bunkern in Berlin gilt der Hochbunker Heckeshorn auf dem Gelände des DRK-Blutspendedienstes in Berlin-Wannsee  als Exot. “Mit seinen sechs Ebenen ister der stabilste und größte Berlins”, sagt Reiner Janick. der Bunkerexperte gehörte 1997 zu den Gründern des Vereins Berliner Unterwelten und kennt alle wichtigen Bunker in der Stadt und im Umland. In Berlin gibt es noch 250 bis 300 intakte oder teilweise zugeschüttete Anlagen. Rund 1000 gab es im Zweiten Weltkrieg. Unlängst führte Janick durch den Koloss in Heckeshorn mit vier Meter dicken Wänden und Decken. Die Besucher waren erstaunt sein: In dem 20 Meter hohen sowie breiten und 70 Meter langen Bauwerk kann innerhalb von 48 Stunden ein komplettes Krankenhaus in Betrieb genommen werden. Alle Anlagen sind intakt. Der Verein hat vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf den Auftrag erhalten, die Funktionsfähigkeit zu gewährleisten.

Dafür dürfen die Bunkerexperten in der von 1941 bis 1943 nach Plänen des Zehlendorfer Architekten Eduard Jobst Siedler gebauten Anlage Führungen anbieten. Sie diente dem Stab der Luftflotte Mitte – ab 1944 “Luftflotte Reich” – als Befehlsstand, weiß Janick. “Von hier aus wurde die gesamte Luftverteidigung in einem Umkreis von 200 Kilometern geleitet. Auch wurden die Befehle, wann genau die Sirenen zu heulen hatten, gegeben. Später verschanzte sich der Wehrmachtsführungsstab auf seiner Flucht von Wünsdorf in Richtung Flensburg für kurze Zeit im Bunker. Es soll auch Überlegungen gegeben haben, Hitler dort unterzubringen. “Es existiert kaum ein so spannender Ort wie dieser, der bis in die Neuzeit funktioniert,” sagt Historiker Janick. Während der Berlin-Blockade 1948/49 nutzte die Landespostdirektion den Bunker als Sendestelle für die drahtlosen Fernsprechverbindungen mit West-Deutschland. Später war dort die Radio-Sendestation des “Rias”-Vorläufers “Dias”. Nach Fertigstellung des Sendemastes auf dem Schäferberg wurden einige Räume für die Pathologie der benachbarten Lungenfachklinik Heckeshorn genutzt.

Besuch im größten Bunker Berlins

Für rund acht Millionen D-Mark wurde der Bunker ab 1986 komplett umgebaut. Seine neue Zweckbestimmung: ein Notkrankenhaus für 600 Personen. Das Krankenhaus sollte im “Ernstfall” 407 Patienten, 120 Ärzte und Pfleger aufnehmen. Noch vier Jahre nach dem Fall der Mauer war das Krankenhaus einsatzbereit. 2001 erfolgte dann der Rückbau. Die komplette medizinische Ausstattung wurde an ehemalige Gegner im Kalten Krieg verschenkt. Allerdings, so Janick, unterliegt die Anlage noch heute der sogenannten Zivilschutzbindung. Im Bunker befinden sich heute neben den vier Operationssälen und der Röntgenabteilung auch zahlreiche Bettenräume sowie zwei Notstromaggregate, eine große Luftschutzanlage, die Wasserversorgung mit Tiefbrunnen sowie ein Aufzug und Großküche. Im Vergleich zu den übrigen 22 Zivilschutzanlagen Berlins, die eine maximale Aufenthaltsdauer von bis zu 14 Tagen gewährleisten, soll der Hochbunker 40 Tage sicher sein.

Reiner Janick möchte mit dem Verein Berliner Unterwelten dieses einmalige Gebäudeensemble der Öffentlichkeit zugänglich machen. Sein Wunsch ist, dass der Ernstfall – terroristische Anschläge, Giftgaskatastrophen, Flugzeugabstürze oder andere große Unglücke – niemals eintritt.

Demnächst werde ich wieder dort sein und neue Fotos machen. Meine Festplatte hat leider nicht die Jahre seit meinem letzten Besuch dort überlebt.

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