Theodor Fontane

Fontane

Auf Fontanes Spuren in Polen unterwegs

Das Fontane - Denkmal in Neuruppin wurde 1907 enthüllt. Foto: WeirauchDas Fontane - Denkmal in Neuruppin wurde 1907 enthüllt. Foto: Weirauch

Erinnerungen an den Literaten zwischen Ostsee und Riesengebirge

Theodor Fontane ist vor allem mit seiner Heimat Brandenburg verbunden, der er in seinen Wanderungen und zahlreichen Romanen ein literarisches Denkmal setzte. So feiert man dort in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag mit vielen Veranstaltungen. Doch den Spuren des Schriftstellers und Journalisten kann man auch in Polen folgen.

Auch heute ist das Geburtshaus Fontanes noch eine Apotheke. Foto: Weirauch
Auch heute ist das Geburtshaus Fontanes noch eine Apotheke. Foto: Weirauch

Am 30. Dezember 1819 geboren, zog Theodor als Siebenjähriger mit der Familie von Neuruppin nach Swinemünde, wo sein Vater fünf Jahre lang die einzige Apotheke des Ortes führte. „Ein unschönes Nest, aber zugleich ein Ort von besonderem Reiz“, fasst er in seinen Kindheitserinnerungen die ersten Eindrücke von Swinemünde zusammen. Während ihm der Platz rund um die väterliche Apotheke nicht behagte, begeisterte ihn das lebhafte Ufer der Swine. In dem kleinen Fischerdorf war erst kurz zuvor der Badebetrieb aufgenommen worden, der berühmte Gartenkünstler Peter-Joseph Lenné hatte gerade mit der Anlage des Kurparks begonnen.

Heute ist Świnoujście eines der größten Seebäder Polens. Moderne Hotels reihen sich im Kurzviertel aneinander, die längste Strandpromenade Europas verbindet den polnischen Teil der Insel Usedom mit den Seebädern auf der deutschen Seite. Nichts erinnert dort mehr an die Zeit der unglücklichen Romanze zwischen Effi Briest und Major Crampas. Das alte Swinemünde stand Pate für den fiktiven Ort Kressin, in dem Fontane seinen berühmten Roman spielen ließ. Auch die Adler-Apotheke von Fontanes Vater am Kleinen Markt nahe der Christuskirche besteht heute nicht mehr. An ihrer Stelle erhebt sich an der ul. Marynarzy 7 ein moderner Wohnblock mit dem Café Sonata. Es wirbt für sich mit dem Namen Fontanes und erinnert in einer kleinen Ausstellung an den Schriftsteller. Auch am Gebäude befindet sich eine zweisprachige Gedenktafel.

Auf Fontanes Spuren kann man sich auch in der früheren Neumark begeben. Einst Teil des ersten polnischen Staates kam das Gebiet zwischen Oder und Warthe 1250 zu Brandenburg und gehört seit 1945 wieder zu Polen.  Ausführlich widmete sich Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ der Festung Küstrin. Von dort wollte einst der junge Kronprinz Friedrich, der spätere König Friedrich II., fliehen, um sich dem strengen Regiment des Vaters zu entziehen. Die Flucht misslang, sein Freund und Mitwisser Hans Hermann von Katte wurde vor seinen Augen enthauptet. Gerne erzählt man auch heutigen Besuchern noch die tragische Geschichte. Von der Festung blieben nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Fragmente erhalten, als „polnisches Pompeji“ wird sie im heutigen Kostrzyn vermarktet.

Das Barockschloss im nahe gelegenen Tamsel, dem heutigen Dąbroszyn, hatte zwar den Krieg überdauert, verfiel aber in den folgenden Jahrzehnten. Nach ersten Renovierungsarbeiten sucht die Gemeinde seit Jahren vergeblich einen Investor, der dem Gebäude neues Leben einhaucht. Ausführlich widmete sich Fontane „diesem schönen Landsitze“, der über Jahrhunderte „eine Pflegestätte der Künste“ war. Auch dieser verwunschene Ort ist eng verbunden mit dem späteren Preußenkönig Friedrich II., der nach der Enthauptung seines Freundes Katte auf Schloss Tamsel Zerstreuung bei der schönen und gebildeten Schlossherrin Luise Eleonore von Wreech suchte.

Zwar verbrachte Fontane die meiste Zeit seines Lebens in Berlin, doch in den Sommermonaten nutzte er gerne die Gelegenheit, dem Stadtmief zu entfliehen. Am liebsten zog es ihn ins Riesengebirge und das Hirschberger Tal, wo er sich zwischen 1868 und 1892 zehnmal aufhielt – meist für mehrere Wochen oder Monate. Hier könne er arbeiten, in die Berge gehen, mit freundlichen Menschen plaudern und habe die Möglichkeit, „bei jedem Atemzug mich erquickende Luft zu atmen“, notierte er 1865 in einem Brief. Schon die Dichter und Maler der Romantik hatten die Region bekannt gemacht, Europas Hochadel hatte sich am Fuße der Schneekoppe seine Sommerresidenzen bauen lassen. Fontane besuchte Erdmannsdorf, wo die preußischen Könige ihre Sommer verbrachten. Heute werden in dem von Karl Friedrich Schinkel umgebauten Schloss die Kinder der Gemeinde Mysłakowice unterrichtet.  Fontane war auch Gast in Buchwald, dem heutigen Bukowiec, wo vor einigen Jahren der romantische Landschaftspark der Grafen von Reden wiederhergestellt wurde.

Blick in den Schlosspark von Buchwald im Hirschberger Tal, Foto: Klaus Klöppel
Blick in den Schlosspark von Buchwald im Hirschberger Tal, Foto: Klaus Klöppel

Am häufigsten weilte Fontane in Krummhübel, schon damals eine beliebte Sommerfrische für betuchte Berliner. Hier fand er nicht nur Ruhe, sondern auch Anregungen für seine Arbeit. Die Geschichte vom Mord an einem Förster, der in der Nähe von einem Wilderer erschossen wurde, liefert die Vorlage für seinen Roman „Quitt“. Heute ist Karpacz eines der größten Ferienzentren im Südwesten Polens, doch viele der alten Villen aus Fontanes Zeiten blieben erhalten. Zum Beispiel das ehemalige Gasthaus „Zur Schneekoppe“, wo man sich gerne zum Kaffee, beim Konzert oder zum Tanz traf. Heute heißt es Nowa Królowa Karkonoszy und bietet noch immer preiswerte Gästezimmer an.

Auf die Spuren Fontanes in der Neumark und in Niederschlesien begibt sich eine Tour von SenfkornReisen zusammen mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin und der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg. Sie findet vom 20. bis 23. Juni ab Berlin statt.

Infos unter www.dpgberlin.de  Weitere Informationen zum Reiseland Polen unter www.polen.travel

BücherFontane

Mit Fontane in die Sommerfrische

Sommerfrische

17heodor Fontane, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr vor allem im Land Brandenburg begangen wird, hat uns neben bedeutenden Romanen und den 0517ielgelesenen “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” auch eine Menge Tagebücher und Briefe hinterlassen. Und der Schriftsteller weilte oft und gerne unter anderem im Harz, im Riesengebirge, Karlsbad sowie Nord- und Ostsee. Leider werden Fontanes Arbeitsaufenthalte an anderen Orten als in Brandenburg oftmals noch unter den Tisch gekehrt.

Umso verdienstvoller ist es, dass Bernd W. Seiler uns in seinem solide recherchierten Band mit zu einzelnen Stationen zu “Fontanes Sommerfrischen” mitnimmt. Das Buch erschien im Berliner Quintus-Verlag (Verlag Berlin BB) und besticht neben Reisebeschreibungen aus Fontanes Feder mit vielen historischen Postkarten und zeitgenössischen Abbildungen. Wer sich mit Fontanes Sommerfrischen beschäftigt und mehr als über die Wanderungen erfahren will, dem sei der Band wärmstens empfohlen. 

Fontane reist ins Riesengebirge

Das erste Mal war er 1868 in dieser Gegend, das letzte Mal 1892. Dazwischen, so hat Bernd W. Seiler recherchiert, war er achtmal im Riesengebirge. Der erste Aufenthalt war allerdings noch keine Sommerfrische, sondern hatte mit Recherchen für das zweite Kriegsbuch zu tun, einem wiederholten Besuch der Gefechtsfelder von 1866 in Mähren.

Blick vom Tempel über den Park von Buchwald hinüber zur Schneekoppe, Foto: Klaus Klöppel
Blick vom Tempel über den Park von Buchwald hinüber zur Schneekoppe, Foto: Klaus Klöppel

Hier geht es zur seite des Tals der Schlösser in Polen.

Erdmannsdorf, wo er sich zunächst einquartierte, lag auf dem Wege dahin, leuchtete als Station jedoch nicht unbedingt ein. Dennoch wollte Fontane unbedingt im Hirschberger Tal dort bleiben. Als er im dortigen Schweizerhaus kein Zimmer bekam, einem bekannten Gasthof neben dem Erdmannsdorfer Schloss, bemühte er sich um eine andere Unterkunft und fand sie im Haus des Ortsgendarmen Brey. Von dort ging er aber, so schreibt er, jeden Tag “zu Siecke ins Schweizerhaus” essen.
Seiler: “Was ihn eigentlich interessierte, war jedoch das Schloss, das seit bald vierzig Jahren den Hohenzollern und zu dieser Zeit der einzigen Tochter Wilhelm I., Prinzessin Luise von Preussen, gehörte. Mit dieser dreißigjährigen Frau in Kontakt zu kommen, hätte für Fontane eine Annäherung an das preußische Königshaus bedeutet, und darauf hatte es Fontane abgesehen.”

Hier geht es zum Tal der Schlösser in Polen.

Den Magen verdorben

Nach vier Tagen wurde er wiederum zur im Schloss wohnenden Familie  Münchhausens eingeladen, “diesmal zur Unterhaltung des alten Generalmajors und seiner Frau, die als Logiergäste gekommen waren.” Das Gespräch jedoch erwies sich als wenig ergiebig und war zweifellos nicht das, worauf er es abgesehen hatte. Außerdem war die Gastlichkeit bei den Münchhausens nicht die erfreulichste, vertraute er einem Brief an. Beim ersten Mal hatte sich Fontane  an „Krebsbutter-Reis“ den Magen verdorben, diesmal war es so „kellerkalt“, dass er sich noch am nächsten Tag unwohl fühlte.

Blick in den Schlosspark von Buchwald im Hirschberger Tal, Foto: Klaus Klöppel
Blick in den Schlosspark von Buchwald im Hirschberger Tal, Foto: Klaus Klöppel

Zwei oder drei Tagestouren hat Fontane selbst auch gemacht: eine Wanderung nach Schloss Buchwald, dessen bewunderter Landschaftspark ihn allerdings wenig beeindruckte, eine Fahrt mit dem Generalmajors-Ehepaar nach Bad Warmbrunn und Hermsdorf, wo der Berg Kynast bestiegen wurde, und eine Tour in das sechs Kilometer entfernte Schmiedeberg.  Ausführlich rekonstruiert Bernd W. Seiler die Touren. Wer mehr über das Hirschberger Tal am riesengebirge erfahren will, dem empfehle ich die Seite des dortigen Vereins Tal der Schlösser. 

 Die Ausflüge mit den Wangenheims führten nach Erdmannsdorf, Buchwald, Krummhübel und gleich mehrmals in das benachbarte Bad Warmbrunn, den ältesten und bekanntesten Kurort der Gegend. Um anzuzeigen, dass er sich dort keineswegs nur amüsierte, teilte er seiner Frau Emilie mit, dass er sich dort keineswegs nur amüsierte, dass er einmal in der „Halle“, ein andermal „in der Sonne“ mehrere Stunden gelesen hätte. Offenbar wollte er sie darüber beruhigen, dass ihm die weibliche Gesellschaft keineswegs das Wichtigste an diesem Aufenthalt war. Sie hatte ihn zweimal ironisch als „Ritter“ tituliert (1. September 1869), welche Briefe in dem Konvolut der erhaltenen Ehebriefe jedoch fehlen. Die zwei Wochen Urlaub mit den Wangenheims waren ihr fraglos nicht recht.

Natürlich hat Fontane auch im Riesengebirge immer an etwas gearbeitet, von 1895 an hauptsächlich an der Geschichte um den getöteten Förster Opitz, wie der Förster Frey in Quitt heißt. Er unternahm mit seiner Frau eigens eine längere Wanderung, um sich das Denkmal anzusehen, das ihm unterhalb der Kleinen Koppe errichtet worden war. Allein der Aufstieg über sechshundert Höhenmeter dauerte drei Stunden, doch Theodor Fontane fand alles „wundervoll zu verwenden, umso mehr, als sich hoch oben schon alpine Sterilität, Krüppelkiefer, Knieholz und Moorgründe mit wucherndem Huflattich mit einmischen“. Aus anderen Büchern wissen wir um Flirts, denen Fontane nicht abgeneigt war. Seiler schreibt hierzu: “Dass ihm Marie Richter mit ihrem Lebenswandel bald wirklich eine ganze „Novelle“ zu lesen gab, wusste er da noch nicht. Auf der Tour durch Böhmen wurde ihm der Flirt mit der Achtundzwanzigjährigen aber nachgerade zu viel. Sollte er zu der noch erwogenen „Kammpartie“ kommen, würde er sie „nicht mit Richters“ machen, schreibt er an seine Frau.” Mehr dazu in dem Buch.

Kirche Wang in Karpacz, Foto: KlausKloeppel
Kirche Wang in Karpacz, Foto: Klaus Kloeppel

Ein Ausflug führte Fontane auch zu der weithin bekannten Kirche Wang, einer norwegischen Stabholzkirche, die 1841 vom preußischen König erworben und oberhalb von Krummhübel wieder hingestellt worden war.

Fontane in Karlsbad

Zu Karlsbad hatte Fontane schon eine Meinung, als er noch längst nicht daran dachte, selbst dort hinzufahren: zum einen die, dass es teuer ist, zum anderen die, dass niemand weiß, ob es nützt.
Geeignete zwei Zimmer fanden sich in der Silbernen Kanne, einem alten, höchst bescheidenen Haus an der Neuen Wiese. Fontane fand es erträglich, litt aber unter einem Frühaufsteher über ihm. Dazu wurde Emilie von den Brunnen, die sie probierte, eher kränker als gesünder und konnte erst allmählich einen Nutzen erkennen.

Das Kurzentrum mit seinen teilweise eklektizistischen Bauten ist eine Attraktion, Foto: Czechtourism
Das Kurzentrum mit seinen teilweise eklektizistischen Bauten ist eine Attraktion, Foto: Czechtourism

Alles in allem bewertet er die Sommerfrische zuletzt als „sehr angenehm“ und zumal „nicht kostspieliger“, als es „der Aufenthalt an bescheideneren und minder renommierten Plätzen“ wäre. (12. September 1893)

Fontane war im Hotel Pupp

Am 4. September 1898 schreibt er an Sohn Friedrich: „Morgen ziehen wir bei Pupp von der Außenhalle in die eigentlichen Festsalons ein; die Außenkeller verschwinden und die Abschiedsszenen haben heute stattgefunden.“ Hier geht es zur Seite von Czechtourism mit dem Grandhotel Pupp.

Karlsbader Prachtstraße
Karlsbader Prachtstraße Foto: Weirauch

Der Restaurationsteil, heute Becher’s Bar ,nimmt den Namen mehrerer Badeärzte, aber auch den des Herstellers eines Kräuterlikörs – „Becherovka“ – auf, der zu legendärem Ruhm kam. Am 19. August 1893 spricht Fontane von einem „alten Dr. Becher …, dem in der Sprudelhalle ein Denkmal (große Porträtbüste) errichtet ist und der als der Schöpfer des Weltruhms von Karlsbad gilt“. Gemeint ist Dr. David Becher (1725 – 1792), Naturforscher, Arzt und Balneologe, zu dessen Andenken 1856 diese Büste aufgestellt wurde. Sie ging beim Abriss der Sprudelhalle 1939 jedoch verloren. Der Becherovka wird bekanntlich heute noch in Karlsbad hergestellt.

Infos zum Buch:

Bernd W. Seiler, Fontanes Sommerfrischen. Quintus-Verlag,Verlag für Berlin-Brandenburg, Binzstraße 19, 13189 Berlin. 1. Auflage 2018. ISBN 978-3-947215-31-7. Hier geht es zur Seite des Verlages.

 

Das Wiener Architekturbüro Helmer & Fellner errichtete auch diese Kolonnade, Foto: Czechtourism

 

Der Autor:  

Prof. Dr. Bernd W. Seiler, 1939 geboren, hat Germanistik und Geschichte in Kiel, München und Hamburg studiert. Auf Staatsexamen und Promotion folgte zunächst eine Tätigkeit als Studienrat, 1974 bis 2005 dann Lehrtätigkeit für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Bielefeld. Zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Bernd Seiler lebt in Bielefeld.

Die Mühlbrunnenkolonnade, Foto: Czechtourism
Die Mühlbrunnenkolonnade in Karlsbad, Foto: Czechtourism

 

 

 

 

Fontane

Hans-Dieter Rutsch beleuchtet Theodor Fontane

Fontane - 2018 (1)

Es ist ein Buch nach meinem Gusto. Viel habe ich schon über das Leben von Theodor Fontane gelesen. Oft sind die Biographien geglättet.  “Der Wanderer” aber von Hans-Dieter Rutsch entdeckt Fontane neu, spart bislang kaum Bekanntes nicht aus. Und beantwortet oft gestellte Fragen. Hier einige Aspekte aus dem lesenswerten Buch:

Fontane – Denkmal in Neuruppin

Auf Seite 15 schreibt Hans-Dieter Rutsch: “An der rechten Seite des Fontane-Denkmals ist eine Inschrift angebracht. Sie besteht aus vier Wörtern: „Dem Dichter der Mark“. Und schon beginnen die Missverständnisse. Als Dichter einer Landschaft oder Region verstand Fontane sich nie. Als Preuße sicherlich. Vor allem aber als ein Deutscher mit französischem Namen. Die Welt grübelt heute noch immer, in welcher politischen Ecke sie diesen deutschsprachigen Autor und sein Werk ansiedeln kann.

Fontane, ein blinder Preußenverehrer? Fontane, ein Feminist? Wer auf eindeutige Antworten hofft, so Rutsch, wird enttäuscht werden. Hunderte Germanisten auf allen Kontinenten sind ihm auf der Spur. Eine rein deutsche Angelegenheit ist diese literarische Erkundung schon lange nicht mehr.

Über Emilie Fontane

Fontanes Ehefrau heißt es auf Seite 17 u.a.: “Emilie Fontane fühlt sich als Ehefrau oft im Schatten ihres Mannes. Wieder und wieder schreibt sie seine Texte ab, redigiert, macht Vorschläge, äußert sich in Gesprächen. Oft geht er darüber hinweg, überarbeitet seine Texte erneut. Nun muss das von Strichen durchzogene Manuskript noch einmal abgeschrieben werden. So ergeht es Emilie Fontane ein Leben lang. Krisen schütteln die Ehe der beiden, auch schon die Zeit der fünfjährigen Verlobung. Zwei uneheliche Kinder zeugt der Dichter während der Verlobungsjahre „nebenbei“ in Dresden. Es wird eines der großen Geheimnisse der Fontanes.
Emilie sehnt sich nach Geborgenheit, er nach Erfolg als Autor. Eine achtundvierzigjährige Ehe der beiden und Tausende von Briefen gehören zur Bilanz ihrer Beziehung. Sie schreibt über die schweren Gewitter über ihren Häuptern und das Gefühl, getäuscht zu werden. Wann immer sie an ihm zweifelt, fehlt Hoffnung. Er kann so zärtlich und so hart antworten. Dieser Briefwechsel erzählt, wie sehr in der Ehe alles auf das Leben eines Menschen ausgerichtet ist: den Autor Theodor Fontane. Ihre Wohnung ist stets ein literarisches Büro, und alle Familienangehörigen stehen im Rang von Mitarbeitern.”

Grabstätte der Familie Fontane in Berlin, Foto. Weirauch
Grabstätte der Familie Fontane in Berlin, Foto. Weirauch

Fontane – Der Wanderer (S.25f)

Der Wanderer Fontane wird uns anempfohlen. Aber eine Enttäuschung muss vorweggenommen werden: Fontane ist mehr mit der Kutsche gefahren, als dass er lief. Meist zwang die knappe Zeit zur Eile. Auch der beschauliche Blick der Neuruppiner Bronzestatue in die Landschaft ist eher eine Wunschvorstellung des Bildhauers als die Wirklichkeit des Autors Fontane. Mag sein, es hat ab und an beschauliche Augenblicke gegeben. Meistens zum Essen in den Gasthöfen. Ansonsten hetzte er von Ort zu Ort, war heute hier und morgen dort und dann schon wieder ganz woanders. Oder er schrieb. Dann reiste er in Gedanken noch  einmal die Wege ab, durchschritt Kirchenräume und Schlösser.
Fontanes einziges Hilfsmittel ist sein Notizbuch. Meist nutzt er die frühen Morgenstunden, um in seiner Unterkunft zu notieren, was er am Tag zuvor gesehen und gehört hat. Es ist niemand um ihn, dem er diktieren könnte. Kein bei seinen Recherchen entdecktes Dokument kann er – außer durch das Abschreiben – kopieren. Ein Fotoapparat steht ihm nicht zur Verfügung. Solche Apparate sind zwar erfunden, aber nur durch Spezialisten zu bedienen und für den Einsatz auf Reisen noch völlig ungeeignet.

Fontanes Geburtshaus

Hans-dieter Rutsch stellt beim Besuch des Geburtshauses von Fontane eine bis heute unbeantwortete Frage. Er schreibt auf Seite 35: So präsent das bronzene Denkmal für Theodor Fontane den ehemaligen Wall von Neuruppin überragt – in der selbsternannten „Fontanestadt“ sind Spuren des Dichters so einfach nicht auszumachen. Am „Fontanehaus“ in der heutigen Karl-Marx-Straße mit der Hausnummer 84, dem authentischen Ort der Geburt des Dichters, ist selbst der aufmerksame Tourist schneller vorbeigelaufen, als er ahnt.

Die „Löwen-Apotheke“ der Fontanes zu entdecken verlangt mehr als nur Umsicht: Man muss das Haus erst einmal finden. Dabei steht es mitten in der Stadt und ist aus der Sicht der Neuruppiner nicht zu übersehen. Die Neuruppiner wundern sich kopfschüttelnd darüber, wie man als Tourist daran vorbeilaufen könne.
Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Vom Denkmal aus der Hauptstraße Richtung Zentrum folgen unde nicht erwarten, von Hinweisschildern gelotst zu werden. … Sollen wir Fontane in der Fontanestadt Neuruppin übersehen?

Fontane – Museum ?

Und wie viele vor ihm stellt Hans-Dieter Rutsch auf Seite 45 auch die Frage: “Warum wurde hier kein Museum eingerichtet? “Deutschland würde die Dokumentation dieses ungewöhnlichen Dichterlebens am authentischen Ort seines Beginns gut zu Gesicht stehen. Seit über einhundert Jahren sammeln Germanisten akribisch die Puzzleteile dieser literarischen Existenz. Vor dem Geburtshaus Fontanes stehend, bleiben wir ohne Ahnung davon. Es fehlt buchstäblich jeder Hinweis darauf. Vielleicht ist der Grund simpel: Niemand wagt bis jetzt, den einst geschaffenen Mythos Fontane vom ach so nett dreinblickenden Mann zu berühren. …

In der heutigen Karl-Marx-Straße 84 wurde Fontane geboren Foto: Weirauch
In der heutigen Karl-Marx-Straße 84 wurde Fontane geboren Foto: Weirauch

S. 49: Auch der zweihundertste Geburtstag wird vergehen, ohne dass sich daran etwas ändert. Die Fassade des Fontanehauses in Neuruppin bleibt weiter undurchsichtig.

Fontane und Potsdam (S. 277)

Wie ist es mit der Abneigung Fontanes zu Potsdam bestellt ? “Eigentlich mag er Potsdam nicht. Aber das ist eine lange Geschichte. Sie hat ein wenig mit seinem Verhältnis zu Theodor Storm zu tun. Der hat sich hier als Beamter versucht und es nicht lange ausgehalten. Diese Stadt quillt über von Militär. Ist sie nicht nur eine riesige Kaserne? Vor dem Potsdamer Marstall sieht er aus dem Waggon für einen Augenblick die exerzierenden Soldaten. Und dann dieses Stadtschloss! Eine Herberge für Beamte. Dann liegt Potsdam hinter ihm. Hätte er nicht doch an der Station „Park Sanssouci“ aussteigen sollen? Der Aufstieg zum Schloss hat es ihm angetan.

Der Blick auf die Friedenskirche auch. Diese italienische Enklave. Diese Abgeschiedenheit, die sie bietet. Er beschließt, sich dort einmal einzuquartieren. Aber nun ist es zu spät für diesen unvergleichlichen Park. Jedenfalls für heute. Was wäre, wenn er noch weiter bis Burg fährt und dort am Bahnhof nachlöst? Oder schon vorher aussteigt und bis Burg läuft?
Er sitzt allein im Abteil. So mag er das Reisen. Niemand, der ihn anspricht, keine Flüsternden Paare, keine sich streitenden Familien. Er hat Zeit für sich, kann nachdenken. Könnte auch lesen.”

Die Wanderung des Nachlasses

Auch für sein Nachleben und den Lebensunterhalt seiner Familie sorgte Theodor Fontane indirekt vor: Er führte seinen Sohn Friedrich als Verleger in den deutschen Literaturbetrieb ein. Als jüngstes Kind der Fontanes fiel Friedrich die Rolle zu, nach und nach die Herausgabe der gesammelten Werke seines Vaters anzustreben. Der Sohn ließ die Verlagsfirma F. Fontane & Co. zum 1. Oktober 1888 in das Handelsregister eintragen und seinen Namen als Geschäftsführer hinzufügen. In den Jahren zuvor ließ ihn der Vater eine Ausbildung zum Buchhändler bei Gustav Langenscheidt absolvieren.

Grab von Friedrich Fontane und seiner Frau auf dem Friedhof in Neuruppin. Foto: Weirauch
Grab von Friedrich Fontane und seiner Frau auf dem Friedhof in Neuruppin. Foto: Weirauch

Das Schicksal der Tagebücher

Neuruppin verpasste die Gelegenheit, mehr als nur ein touristischer Ort für die Fontane-Liebhaber zu werden. Die Stadtväter haben die Chance, die sich mit einem Erwerb des Fontane-Nachlasses bot, nicht ergriffen. Der damalige Schätzwert von einhundertzwanzigtausend Reichsmark war eine stattliche Summe, aber keine, die man nicht hätte aufbringen können. Was fehlte, waren der nötige Weitblick und das Erkennen des Potenzials.

Fontane-Gesellschaft in Neuruppin

Die im Jahr 1990 in Potsdam gegründete Fontane-Gesellschaft wählte zwar Neuruppin als Sitz für ihre Geschäftsstelle, vergibt inzwischen auch einen „Fontane-Preis der Stadt Neuruppin“, aber ein internationaler Fontane-Ort ist Neuruppin durch den unterlassenen Erwerb des Nachlasses nicht geworden. Den Neuruppinern gelang zwar, den Titel „Fontanestadt“ zu erwirken. Ein literarisch gewichtiger Ort ist Neuruppin aber noch nicht.

Wer ist eigentlich dieser Fontane ?

Die Spurensuche zu Fontane hält an, ab Seite 327 schreibt Hans-Dieter Rutsch:”Theodor Fontane „überlebte“ das Chaos der ersten Nachkriegsjahre. Nahezu geräuschlos wurde sein literarisches Werk „entnazifiziert“. Aber zu mehr reichte es in der damaligen Zeit nicht. Wer eigentlich verbarg sich hinter dem Namen Theodor Fontane? Eine groß angelegte Suche danach begann in beiden deutschen Staaten. Nach 1989 entwickelte sich das Fontane-Archiv in Potsdam zu einem Ort, der diese Suche bis heute fördert und koordiniert. Abgeschlossen ist sie noch immer nicht. Fasziniert von den Welten, die der gebürtige Neuruppiner literarisch erwanderte, folgen ihm Jahr für Jahr neue Leser auf allen Kontinenten und fahnden nach jenem Mann, der Theodor Fontane war. Die Zahl der entstehenden Diplomarbeiten und Dissertationen ist inzwischen vollkommen unüberschaubar. Es ist, als ob wir noch immer am Anfang einer langen Wanderung stehen….

Das von Dietrich Rohde gestaltete Fontane-Denkmal steht im Precise Resort Schwielowsee, Foto: Weirauch
Das von Dietrich Rohde gestaltete Fontane-Denkmal steht im Precise Resort Schwielowsee, Foto: Weirauch

Zusammengefasst: Dieses Buch entdeckt einen hellsichtigen, in seiner Zeit neuartigen Dichter, der rastlos das frühmoderne Deutschland beschrieb und darin auch unsere Gegenwart, der sich schon damals nach Entschleunigung, Schlichtheit sehnte – einen doppelten Fontane, der unser Zeitgenosse ist.

Hans-Dieter Rutsch, Der Wanderer. Das Leben des Theodor Fontane. Rowohlt-Berlin Verlag GmbH, 1. Auflage 2018. ISBN 978 3  7371 0026 7. www.rowohlt.de

1 Stunde wegFontane

Fontaneorte: Burg im Spreewald

Burg im Spreewald

„… und dass dem Netze dieser Spreekanäle Nichts von dem Zauber von Venedig fehle, durchfurcht das endlos wirre Flußrevier in seinem Boot der Spreewalds-Gondolier.“

Es ist keine 160 Jahre her, da besuchte Theodor Fontane auf seiner Reise durch die Mark Brandenburg auch die idyllische Spreewaldgemeinde Burg. Der entdeckungsfreudige Schriftsteller war ein wahrer Wegbereiter für die Entwicklung des Spreewald-Tourismus. Schon damals erkannte er schon die Schönheit und Reize dieser einmaligen Kultur- und Naturlandschaft.

Von Berlin aus startete er an einem sonnigen Augusttag des Jahres 1859 mit der Postkutsche in Richtung des unweit gelegenen Spreewalds. Bald schon tauschte er die ruckelnde Kutsche gegen den traditionellen Spreewaldkahn und zeigte sich begeistert vm sanften Dahingleiten auf den ruhigen Fließen in der einzigartigen mystischen Landschaft.

Fasziniert beschreibt er daraufhin in seinen Artikeln und Büchern das Füllhorn an Möglichkeiten, das der Spreewald einem Reisenden bietet. Nicht nur die Kahnfahrt, sondern auch Gaumenfreuden wie der „Hecht im Spreewald-Soße“ sorgen bei Fontane nachdrücklich für Begeisterung.

Noch heute ist Burg im Spreewald der ideale Ort für aktive Naturliebhaber. Zu Fuß, im Paddelboot, mit dem Fahrrad oder mit dem Spreewaldkahn, erschließen sich dem Betrachter oftmals verwunschene Ausblicke. Entlang reetgedeckter Spreewaldhäuser, traditioneller Heuschober und grüner Gurkenfelder radelt es sich entspannt bis zum nächsten Gasthaus. Die Magie dieser einzigartigen Kulturlandschaft lädt geradezu dazu ein, sich vom Alltag zu erholen und eben jene zauberhaften Details aus Fontanes Zeit auch heute noch zu entdecken.

Der Kurort Burg im Spreewald hat dem Jubilar Theodor Fontane anlässlich seines 200. Geburtstags zahlreiche Aktivitäten und Veranstaltungen gewidmet. So entführen FontaneZeit-Entdecker die Gäste das ganze Jahr über in die Zeit des Dichters. Ob beim Bäcker, in der Spreewaldbibiliothek, in der Heimatstube oder anderen kleinen Läden, Fontane ist allgegenwärtig.

Höhepunk: Der deutsche Pop-Art Künstler Jim Avignon wird aus den FontaneZeit-Entdeckungen ein einzigariges Kunstwerk entstehen lassen. Den kreativen Abschluss findet diese Aktion in der Veranstaltung „Fließendes Atelier“ am 7. September 2019, wo der Künstler das Gesamtkunstwerk auf dem Kahn vollendet und interessierte Gäste auf seine „Reise“ mitnimmt. Alle Teilnehmer erwartet ein außergewöhnlicher Abend voller Kunst und Genuss.

Sonnenaufgang vom Zimmer des Spreewald Thermenhotels aus, Foto: Weirauch
Sonnenaufgang vom Zimmer des Spreewald Thermenhotels aus, Foto: Weirauch

Zur Veranstaltungsreihe „Geschicht auf dem Kahn“ können die Besucher des Kurortes auf „Kaffeeklatsch mit Fontane“ gehen. Bei einer kurzweiligen Kahnfahrt mit lyrischer und musikalischer Untermalung sowie einer kleinen Kaffeerunde kann man den Besuch des Dichters im Burger Spreewald hautnah nachempfinden.

„Genießen mit Fontane“ ist der Titel eines musikalisch-literarischen Abends mit kulinarischer Umrahmung, der am 16. März und 12. Oktober 2019 in Burg die Zuschauer begeistern und den Dichter künstlerisch näherbringen wird.

Anreiseempfehlung

Regionalexpress RE2 bis nach Vetschau oder Cottbus:

  • Von Vetschau/Bahnhof aus Weiterfahrt mit der Buslinie 38 nach Burg (Spreewald)
  • Von Cottbus/Hauptbahnhof aus Weiterfahrt mit der Buslinie 47 nach Burg (Spreewald)

Weitere Informationen

Touristinformation Burg im Spreewald
Am Hafen 6, 03096 Burg (Spreewald)
Tel. 035603 750160
info@BurgimSpreewald.de
www.BurgimSpreewald.de

 

 

1 Stunde wegFontane

Kirchhof mit Her(t)z

MatthäuskirchhofWilhelm Ludwig Hertz (1822–1901) war u.a. Verleger Theodor Fontanes

„ – Die zur Durchsicht gewünschten Blätter bringe ich morgen Mittag oder schicke sie; es ist nahezu die Hälfte des Ganzen. Ich würde Ihnen vorschlagen nur das lange Kapitel „Marquardt“ zu lesen, da haben Sie alle Züge des Buches vereinigt: Schloß-, Park- und Landschaftsbeschreibung, Historisches Anekdotisches, Familienkram und Spukgeschichte. Mehr kann man am Ende nicht verlangen.“ Diesen Lesevorschlag für seinen III. Band der „Wanderungen“ übermittelte Theodor Fontane am 9. Mai 1872 an seinen Verleger Wilhelm Ludwig Hertz.In einigen Briefen unserer „Weihnachtspost“ klang das Fontane-Jubiläum im kommenden Jahr an. Grund für uns, wieder weiter auf den „Spuren Fontanes“ zu wandeln, so u. a. auch an Personen zu erinnern, die einen regen Gedankenaustausch mit ihm führten.

Die eingangs geschriebenen Worte Fontanes an den Berliner Wilhelm Hertz, geben in wenigen Worten den Aufbau der berühmten „Wanderungen“ wieder. Vielleicht ist diese Mischung aus allem das Erfolgsrezept seiner Wanderungen, die heute noch so viele Anhänger findet. Wilhelm Hertz scheint der Vorschlag gefallen zu haben, nur wenige Wochen später war bei Fontane der „Bedürftigkeitsmoment“ gekommen, um Wilhelm Hertz am 1. Juni 1872 um einen Vorschuss von 100 Talern („1500 Exemplare bei 600 rtl. Honorar“ – so das Arrangement vom 8. Mai 1872) zu bitten. Am 3. Juni 1872 bedankt sich Fontane bei Hertz.

Die Briefe Theodor Fontanes an Wilhelm Hertz sind veröffentlicht und widerspiegeln den teils freundschaftlichen Kontakt, der den märkischen Dichter mit dem Verleger verband. Der Leser bekommt zudem einen Einblick in den Berliner Literaturbetrieb des 19. Jahrhunderts. 1847 hatte Wilhelm Hertz den Verlag Bessersche Buchhandlung übernommen. Unter den Autoren von mehr als 1000 Verlagswerken zählten neben Theodor Fontane auch Gottfried Keller, Paul Heyse, Wilhelm von Kügelgen und Hermann Grimm. Nach dem Tod von Wilhelm Hertz verkauften die Erben den Verlag an die J. G. Cottasche Buchhandlung in Stuttgart.

In ihrem Weihnachtspost machte Dr. Gabriele Radecke auf den Alten St.-Matthäus-Kirchhof aufmerksam. Sie erwähnte den Beitrag von Tilman Krause in der “Welt”, der Spuren Fontanes in Berlin aufsuchte. In seinem Roman “Die Poggenpuhls” hatte Fontane die Witwe Poggenpuhl, die in der Großgörschenstraße wohnte, auf den Friedhof schauen lassen. Fontane schreibt u.a. in seinem 1896 veröffentlichten Roman „Die Poggenpuhls“ über seine Protagonisten in der Großgörschenstraße: „Die Poggenpuhls – eine Frau Majorin von Poggenpuhl mit ihren drei Töchtern Therese, Sophie und Manon – wohnten seit ihrer Übersiedlung von Pommersch-Stargard nach Berlin in einem gerade um jene Zeit fertig gewordenen, also noch ziemlich mauerfeuchten Neubau der Großgörschenstraße, einem Eckhaus, das einem braven und behäbigen Manne, dem ehemaligen Maurerpolier, jetzigen Rentier August Nottebohm gehörte. Diese Großgörschenstraßen-Wohnung war seitens der der Poggenpuhlschen Familie nicht zum wenigsten um des kriegsgeschichtlichen Namens der Straße, zugleich aber ach um der sogenannten >>wundervollen Aussicht<< willen gewählt worden, die von den Vorderfenstern aus auf die Grabdenkmäler und Erbbegräbnisse des Matthäikirchhofs, von den Hinterfenstern aus auf einige zur Kulmstraße gehörige Rückfronten ging, an deren einer man, in abwechselnd roten und blauen Riesenbuchstaben, die Worte >>Schulzes Bonbonfabrik<< lesen konnte“.Heute ist der Blick kaum nachzuvollziehen, hohe Bäume versperren die Sicht.

Auch in seinem Klassiker “Effi Briest” wird die Großgörschenstraße erwähnt.er 1. Weihnachtsfeiertag führte uns nach Schöneberg auf den Alten St.-Matthäus-Kirchhof. Freunde hatten uns berichtet, dass das Grab des Verlegers seit 1984 als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet ist. Und nun “treffen” wir Fontanes Verleger auf dem Friedhof. Wer war dieser Mann eigentlich ? Der am 26. Juni 1822 in Hamburg geborene Wilhelm Ludwig Hertz, Sohn von Adalbert von Chamisso und Marianne Hertz, verstarb am 5. Juni 1901 in Berlin. Die letzte Ruhe fand er auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Bethel Henry Strousberg (1823–1884) Unternehmer, Mäzen, „Eisenbahnkönig“
Bethel Henry Strousberg (1823–1884) Unternehmer, Mäzen, „Eisenbahnkönig“

Durch die Hochzeit seiner Tochter Emma Hertz im Jahr 1879 war er der Schwiegervater des Berliner Verlegers Fritz Springer. Auch diese Familie hatte mit Fontane zu tun. Springers Grabstätte befindet sich auch auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof.

Aus dem Internet hatten wir bereits erfahren, dass der Friedhof seit der ersten Beisetzung am 25. März 1856 zunehmend über die Gemeinde hinaus an Beliebtheit gewann. In der Umgebung entstanden Villen mit Gärten für höhere Beamte, bedeutende Unternehmer, bildende Künstler und bekannte Wissenschaftler. Seit dem späten 19. Jahrhundert war das Wohngebiet als „Geheimratsviertel“ bekannt.

In den Jahren 1907/1908 entstand die von Gustav Werner entworfene Kapelle als Zentralbau mit Kuppel
In den Jahren 1907/1908 entstand die von Gustav Werner entworfene Kapelle als Zentralbau mit Kuppel

Tilman Krause schreibt in der “Welt” vom 22.12. auch: “Auf dem Friedhof liegt auch ein Mitglied aus jener altpreußischen Familie begraben, die Theodor Fontane zum eingangs zitierten (und sonst nicht belegten) Namen Vitzewitz inspiriert haben dürfte. Es trägt den poetischen Namen Cölestin von Zitzewitz. Denn bei Fontane ist es eben manchmal nur ein Buchstabe, der die Wirklichkeit von der Literatur trennt.”

Alfred Messel (1853–1909), Architekt (Wertheim-Bau am Leipziger Platz; Haus des Lette-Vereins)
Alfred Messel (1853–1909), Architekt (Wertheim-Bau am Leipziger Platz; Haus des Lette-Vereins)

Übrigens gibt es noch eine weitere Geschichte zu dem Friedhof und Theodor Fontane. Darüber informieren Robert Rauh und Gabriele Radecke auf dem Blog  Fontanes-Wanderungen.de. Heinrich Drake, der berühmte Bildhauer hat auch auf dem alten St. Matthäus-Friedhof sein Grab. Darüber später mehr.

 

Und wen wir noch alles so trafen auf diesem schönen Berliner Friedhof und was der Friedhof mit dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof, gemeinsam hat, erfahrt ihr demnächst hier.

Einige Tipps Alter St.-Matthäus-Kirchhof Berlin

Der Alte St.-Matthäus-Kirchhof Berlin ist ein historischer Friedhof in Berlin mit vielen kulturhistorisch bedeutenden Grabmälern, die heute unter Denkmalschutz stehen. Der Kirchhof liegt zwischen der Großgörschen- und der Monumentenstraße im Ortsteil Schöneberg auf der sogenannten Roten Insel.

Adresse: Großgörschenstraße 12-14, 10829 Berlin

Infos zum Friedhof bei gutem Kaffee oder Tee gibt es im Cafe finovo.

Der Förderverein E.F.E.U. engagiert sich für den Friedhof.

Die gute Seele des Kirchhofs Bernd Boßmann vor seinem Friedhofscafé "Finovo"
Die gute Seele des Kirchhofs Bernd Boßmann vor seinem Friedhofscafé “Finovo”

Hier geht es zur Friedhofsverwaltung und einen Lageplan.

2019 ist Fontanejahr

Als ein Baustein der zentralen Landeskampagne „Fontane.200“ reiht sich Kulturland Brandenburg neben der Leitausstellung „Fontane.200/Autor“ im Museum Neuruppin, der Ausstellung„Fontane.200/Brandenburg“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam,dem Schülerbegleitprogramm und dem Jugendprojekt „Word&Play“ ein.
Weiterhin beteiligen sich die Universität Potsdam, das in Potsdam ansässige  Theodor-Fontane-Archiv

sowie die Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Seminar für Deutsche Philologie bei der Georg-August-Universität Göttingen 

mit einem wissenschaftlichen sowie die Fontanestadt Neuruppin in Kooperation mit zahlreichen Partnern mit einem vielfältigen kulturellen Programm. Das Fontanejahr wird  am 30. März 2019 in Neuruppin eröffnet. Hier geht es zur Fontaneausstellung des HBPG am Potsdamer Neuen Markt.

Robert Rauh schreibt über seine neuen Wanderungen auf den Spuren zu Theodor Fontane auf der Seite  http://fontanes-wanderungen.de/

Dr Band: Theodor Fontane: Briefe an Wilhelm und Hans Hertz 1859 – 1898 , Ernst Klett Verlag Stuttgart, ist nur antiquarisch oder im Internet erhältlich.

Hier einzelne Fontanetipps auf einfachraus.eu

+ Bei Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Robert Rauh und Erik Lorenz: Buch zu den fünf Schlössern

+ Spurensuche in Wustrau

+ Wiedergeburt des Fährhauses in Uetz /OT von Potsdam

+ Bei Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

+ Zum Grab von Theodor Fontane in Berlin

Spurensuche in Neuruppin

Fontane und der Ziegelringofen von Glindow

Der Bornstedter Friedhof

+ Wer war Effi Briest

 
1 Stunde wegBücherFontane

Nennhausen im Fontane200 – Kalender

nennhausenSchloss Nennhausen, Foto: D.Weirauch

Heuer ist Es ist Fontanejahr. Und es gibt einige tolle Kalender.  So auch  „Fontane200“, herausgegeben vom Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg. Ein Kalendenderblatt beschäftigt sich mit Nennhausen und Effi Briest. Wie lesen: ” Im havelländischen Nennhausen kreuzen sich die Wege der Musen und Grazien der Mark. Der romantische Dichter Friedrich de la Motte Fouqué (1777 – 1843) hatte hier ab 1803 mit Caroline von Rochow, geborene Briest, gelebt. Für beide war es die zweite Heirat. Caroline Fouqué, die 1773 in Berlin geboren wurde und auch eine sehr produktive Autorin war, starb auf Schloss Nennhausen 1831. Für den biografischen Hintergrund seiner berühmtesten Romanheldin, Effi Briest, bediente sich Fontane der Familiengeschichte der havelländischen Briest: Im 8. Kapitel des Romans sagt Effi: „Ich bin eine geborene Briest und stamme von dem Briest ab, der am Tag vor der Fehrbelliner Schlacht den Überfall von Rathenow ausführte, wovon Sie vielleicht einmal gehört haben.“ Dieser Jakob Friedrich von Briest (1695 – 1768) war der Ururgroßvater von Caroline Fouqué. In der Ausgabe der „Wanderungen“ mit den Oderland-Kapiteln aus dem Jahr 1863 erwähnt Fontane: „Die Portraits in Wilkendorf sind zum Teil aus der alten, nunmehr ausgestorbenen Briestschen Familie. Der letzte Sproß der Familie, eine Tochter, war an Friedrich de la Motte Fouqué vermählt. (Landrat von Briest, auf Nennhausen im Havelland, bekannt durch den klugen Beistand, den er der Armee des Großen Kurfürsten erst bei der Überrumpelung von Rathenow und dann später auf ihrem Marsche nach Fehrbellin leistete.)“

Es ist eine Geschichte nach dem Leben

Schloss Nennhausen, Foto: D.Weirauch
Schloss Nennhausen, Foto: D.Weirauch

Bei der Arbeit an der Fragment gebliebenen Schrift „Das Ländchen Friesack und die Bredows“ hatte sich Fontane ebenfalls mit Nennhausen beschäftigt: „Von 1694 an besaß die Familie von Briest das Gut, bis es 1822 beim Erlöschen des Mannesstammes an die Rochows kam.“ Leider hatte Fontane dieses Nennhausen-Kapitel nur als Skizze hinterlassen, obwohl er sich nachweislich über Jahre und sogar bis in seine letzten Lebenstage immer wieder mit seiner havelländischen Materialsammlung befasste.

In „Effi Briest“ verfremdete und veränderte der Autor trotz mancher Hinweise und Bezüge auf reale Orte viele Details. Zwar gibt es kein Hohen-Cremmen, wo das Gut der Familie und später Efiis Grab lokalisiert wird, aber immerhin gibt Fontane einige Fingerzeige, wo es denn zu suchen wäre. So tragen die Briefe aus Hohen-Cremmen den Friesacker Stempel – dort ist also die nächste Post (Kapitel 22). Nauen und Rathenow werden als gut erreichbare Orte erwähnt. Kremmen selbst scheidet übrigens wegen der zu großen Entfernung aus.

Schon bald nach Veröffentlichung des Romans „Effi Briest“ zwischen Oktober 1894 und März 1895 in der Zeitschrift „Deutschen Rundschau“, der im Oktober 1895 mit Datum 1896 die Buchausgabe folgte, hatte sich herumgesprochen, dass sich der Autor auch bei seinen Romanfiguren von einer in den höheren Berliner Kreisen als Skandal empfundenen Affäre hatte inspirieren lassen: „Es ist eine Geschichte nach dem Leben, und die Heldin lebt noch“, gab Fontane in einem Brief an Marie Uhse am 13. November 1895 zu erkennen.

Die nicht genannte Heldin war Elisabeth von Plotho (1853 – 1952), die mit Armand Léon von Ardenne (1848 – 1919) verheiratet wurde. Ihre Liebesbeziehung mit dem Juristen und Sportpädagogen Emil Ferdinand Hartwich (1843 – 1886) war Stadtgespräch. Armand von Ardenne hatte – wie im Buch – seinen Nebenbuhler im Duell so schwer verletzt, dass dieser kurz danach starb.

Elisabeth von Ardenne wurde 98

In der Realität übertraf Elisabeth von Ardenne in ihrem Freiheitsdrang sogar noch ihr literarisches Alter Ego: Sie blieb weiter eine starke Frau, konnte wieder Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen, wurde Krankenpflegerin, arbeitete in diesem Beruf, lernte mit 60 Skifahren und setzte sich mit 80 zum ersten Mal auf ein Fahrrad. Sie starb nicht wie Effi an Herzensleid, sondern mit 98 Jahren am 5. Februar 1952 in Lindau am Bodensee.

Ihr Urnengrab befindet sich auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf. Wegen der hohen Pflegekosten hatten die Ardennes 1996 das Erbbegräbnis gekündigt und die Grabplatte Elisabeths an den Familienbesitz in Dresden geholt. Nach zahlreichen Protesten vieler Fontane-Freunde und Leser der „Effi Briest“ konnte die Friedhofsverwaltung mit der Anlage eines Ehrengrabs für Elisabeth die Familie überzeugen, den Stein ein Jahr später wieder nach Stahnsdorf zurückzubringen. Bis heute legen Friedhofsbesucher Blumen auf ihr Grab.

hre letzte Ruhestätte fand Elisabeth von Ardenne (Effi Briest) auf dem Stahnsdorfer Südwest-Kirchhof, Foto: K.Weirauch
Ihre letzte Ruhestätte fand Elisabeth von Ardenne (Effi Briest) auf dem Stahnsdorfer Südwest-Kirchhof, Foto: K.Weirauch

In Fontanes Roman ist Nennhausen/Hohen-Cremmen Effis Kindheitsparadies und ein beschaulicher Alterssitz der älteren Briests – unter den Fouqués war es ein Treffpunkt der geistigen Welt. Das Schriftstellerpaar empfing hier vor allem in den Sommermonaten zahlreiche  Gäste, darunter viele bekannte Namen wie Adelbert von Chamisso (1781 – 1838), Joseph von Eichendorff (1788 – 1857), E. T. A. Hoffmann (1776 – 1822), Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835), August Wilhelm Schlegel (1767 – 1845), oder auch Karl August Varnhagen von Ense (1785 – 1858) und seine Frau Rahel Varnhagen (1771 – 1833).

Berühmter Park von Nennhausen

Allerdings war dies nicht das dann 1860 im neogotischen Stil umgebaute Schloss, dessen Dachstuhl 1983 ausbrannte und nur notdürftig repariert wurde. Trotz der Nutzung zu DDR-Zeiten waren Schloss und Park bis zum Mauerfall in einem vernachlässigten Zustand. Seit der Übernahme durch Alexander und Benita von Stechow im Jahr 1996 erfolgte mit Millionenaufwand eine denkmalgerechte Instandhaltung. Zu rund zehn Veranstaltungen kommen jedes Jahr Kulturliebhaber in das Herrenhaus. Die Havelländischen Musikfestspiele organisieren Konzerte. Zu Lesungen wird regelmäßig geladen. Auch das Land hat sich in Nennhausen – wie bei vielen alten Schlösser und Herrenhäuser – engagiert. Aus dem Programm für Ländliche Entwicklung erhielt der Förderverein Schloss und Landschaftspark Nennhausen e.V. für den Ausbau des Teichhauses im Park mit einer Ferienwohnung im Dachgeschoss 33770 Euro aus EU- und Landesmitteln bei einer Gesamtinvestition in Höhe von 95.770 Euro. Ebenfall für das Teichhaus – für  den Ausbau von Veranstaltungsräumen für Seminare, Konzerte sowie zur Nutzung als Standesamt für den Amtsbereich Nennhausen – stellte das Brandenburger Agrarministerium 105200 Euro bei Gesamtausgaben in Höhe von 147000 Euro zur Verfügung. Zum Privatbesitz der Stechows gehört seit 1997 auch der Park, den Phillip August von Briest um 1780 im englischen Stil gestaltet hat. Er ist dennoch ganzjährig öffentlich zugänglich und gilt als einer der frühesten Landschaftsparks in Brandenburg.

Vielleicht trifft man ja hier, im Nebel der Geschichte, zwischen den alten Bäumen, auf Effi Briest: „Am liebsten aber hatte sie wie früher auf dem durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und in dem Gefühl ‚jetzt stürz ich‘ etwas eigentümlich Prickelndes, einen Schauer süßer Gefahr empfunden.“

Kalenderblatt aus „Fontane200“, herausgegeben vom Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg, Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Internationale Kooperation, Henning-von-Tresckow-Straße 2 – 13, 14467 Potsdam

www.mlul.brandenburg.de

Hier weitere Texte zur Spurensuche Theodor Fontane, heute: Wo Effi Briest wirklich lebte.

 

 

 

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