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Napoleon sei Dank: Das Russische im Berliner Grunewald

Potsdam-Schiff (9)

Nikolskoe, St. Peter & Paul, Moorlake. Drei – wenn man das so nennen will – „Flecken“ in Berlins Grunewald  sind Russisch: Die „Kneipe“ des Namens Nikolskoe, die nahegelegene kleine Kirche mit Zwiebeltürmchen (St. Peter & Paul) und das urige Wirtshaus Moorlake. Diese drei touristischen, seltenen Kleinode verdanken die Berliner Napoleon. Jawohl – diesem französischen Gesellschaftsrevolutionär und Möchtegern-Welteroberer.

Wie es dazu kam ?

Und das kam so: Der Waffenbrüderschaft und Freundschaft des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III (1770 – 1840) mit dem russischen Zaren Alexander I. (1777 – 1825) ist es nicht zuletzt zu verdanken, dass den Kriegszügen des Napoleon Bonaparte ein Ende gesetzt werden konnte. Auf einer entsprechenden Siegesfeier dieser Alliierten in Berlin lernten sich 1815 Friedrich Wilhelms älteste Tochter Charlotte und der russische Großfürst Nikolaus, der später Zar werden sollte, kennen. Beide heirateten 1817 in Russland. Zur Geburt seines ersten Enkelkinder reiste Friedrich Wilhelm III. 1818 nach Russland. Ihm zeigte Charlotte ein, wie sie sagte, „typisch russisches Holzhaus“, das sie „urgemütlich“ fand. Architekt war ein Carlo Rossi.

Napoleon sei Dank: Das Russische im Berliner Grunewald

Den kontaktierte der Preußenkönig und kaufte ihm den Bauplan ab – denn er wollte solch ein russisches Haus auch in Berlin bauen, für mögliche Besuche seiner Tochter. Als Bauplatz bestimmte Friedrich Wilhelm III. eine kleine Anhöhe gegenüber der Pfaueninsel, dem Lieblingsort seiner verstorbenen Frau Luise. Des Königs Garde-Pioniere unter Capitain Adolf Snethlage fällten in der Nähe entsprechende Bäume und bauten nach den Plänen Rossis das „russische Haus“. Es wurde um eine Etage aufgestockt – oben richtete sich der König eine kleine Teestube ein, unten wurden Soldaten als Wächter einquartiert.

Der Preußenkönig widmete das Haus dem Zaren Nikolaus I. – daher das Wort „Nikolskoe“, korrekt ausgesprochen „Nikolskoje“. Übersetzt: „Dem Nikolai gehörend“.

Nikolskoe ist keineswegs erst in jüngerer Zeit zum Ausflugsort der Berliner geworden – mit Kneipe. Das hatte , wenn auch gegen den Willen der preußischen Staatsmacht, um 1818 der Verwalter des Hauses – Iwan Bockow – initiiert. Bockow, gebürtiger Russe, war lange Zeit „Leibkutscher“ des Königs Friedrich Wilhelm. Für seine Verdienste im Krieg gegen Napoleon wurde Bockow zum „Aufseher“ über das Nikolskoe-Anwesen ernannt. Seine Pflichten wurden sogar schriftlich fixiert: „Sofortige Anzeige von Schäden, Einhaltung von Reinlichkeit und Ordnung, Aufsicht über das tadellose Benehmen der Wachtruppe und Aufsicht über das königliche Inventarium“. Doch damit allein gab sich der clevere Bockow, der vom Hofmarschallamt immerhin das stattliche Jahresgehalt von 250 Taler bezog, nicht zufrieden.

Er eröffnete vielmehr Mitte der 1820er Jahre illegal eine Gastwirtschaft, die sich schnell großer Beliebtheit erfreute.  1825 spricht Johann Gottfried Schadow in einer Reisebeschreibung von der „moskowitischen Hütte“ und deren „schlaufreundlichem Wirt“. So positiv das alles klingt – heutzutage trifft das auf das wunderschöne „Blockhaus Nikolskoe“ nicht zu. Es mangelt an Freundlichkeit, der Gast wird geradezu ignoriert, Wünsche werden als Zumutung empfunden. Ein Ehepaar, das auf der grandiosen Terrasse, die Havel vor Augen, gespeist hat: „Muss man nicht nochmal tun“.

Im Wirtshaus Moorlake ist der Gast König

Das ist im nahegelegenen „Wirtshaus Moorlake“, 1840 vom Schinkel-Schüler Persius erbaut, ganz anders. Der Gast ist König, wird verwöhnt, Fragen auch zur Geschichte des Hauses werden ausgiebig beantwortet – das Essen ist Klasse. Die Preise sind erstaunlich – bei allem Ambiente, was zudem geboten wird: Eine Suppe 6,80 Euro, der „Klassiker“ Kalbsleber mit Apfel-Zwiebel gebraten 21 Euro, „Bollenfleisch“ – das ist Lammkeule – 18,80, 2 Matjesfilets mit Apfel-Zwiebel-Sahnesoße 18,50 Euro Um nur Einiges zu nennen. Die Terrasse lässt den Blick auf die Havel frei, eine Bucht lädt zum Baden ein.

St. Peter & Paul

Muss noch das dritte architektonische Juwel in dieser Grunewaldecke erwähnt werden – die evangelische Zwiebeltürmchenkirche St. Peter & Paul. Mit vielen russischen Elementen verziert. Eingeweiht am 13. August 1837. Die Idee dazu hatte der kunstsinnige Sohn Friedrich Wilhelms, der spätere Friedrich Wilhelm IV. Architekten waren August Stüler und Schadow. Zwischen 10 und 18 Uhr erklingt täglich ein Glockenspiel vom Turm der Kirche.

Gut essen:

Wirtshaus Moorlake: Moorlakeweg 6, 14109 Berlin. Es gibt Parkplätze. Öffentliche: S-Bahn bis Wannsee, dann Bus 316 bis Haltestelle Glienicker Weg. Zu Fuß in Fahrtrichtung entlang des Havelweges.

Hier lest ihr demnächst einen Spaziergang in die Russische Kolonie Alexandrowka 

 

 

 

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