Reise

Mit dem Boot durch Leipzig – Plagwitz ?

Leipzig (2)Foto: Weirauch

Eine komische Frage, die mir da gestellt wurde. Dachte ich zuerst, als Wasserstadt war mir Leipzig bislang nicht bekannt. Dann habe ich es ausprobiert: es funktioniert. Zusammen mit Andreas Schmidt von der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH waren wir für einfachraus.eu in Leipzigs Westen unterwegs. Bunte Kanus und Venezianische Gondeln gleiten über die Weiße Elster, entlang an wildromantischen Gärten und herrschaftlichen Villen aus der Gründerzeit. Von den Balkonen riesiger Backsteinbauten, die früher als Fabriken dienten, erklingt Musik. Eine Schwanenfamilie schwimmt majestätisch an der am Ufer liegenden Kiezkneipe „Heimathafen Kö“ vorbei und ist sich den Blicken und Handy-Schnappschüssen der zahlreichen Gäste bewusst. Verspielt glitzert die Abendsonne auf dem Wasser…

Bootsfahrt auf der Weißen Elster

In Leipzigs Westen hat sich mit dem Stadtteil Plagwitz ein 90 Hektar großes Flächendenkmal der Industriearchitektur erhalten. Es war das erste planmäßig entwickelte, großräumige Industriegebiet Deutschlands. Dabei lebten vor 170 Jahren im Dorf Plagwitz bei Leipzig nur etwa 300 Einwohner. Der benachbarte Stadtteil Lindenau war bereits damals dichter besiedelt.

Karl Heine – Motor der Industrialisierung

Der Leipziger Rechtsanwalt Dr. Carl Erdmann Heine hatte ab 1844 begonnen, das versumpfte Gelände entlang der Pleiße trockenzulegen und Wasserläufe zu regulieren. Seine Visionen ermöglichten den Bau des heutigen Karl-Heine-Kanals, der zur Schaffung einer Schifffahrtsstraße von Leipzig nach Hamburg führen sollte. Weiterhin sorgte Heine für die Ansiedlung von Industrieunternehmen. Die Kombination von Wohnquartieren und Arbeitsstellen in Plagwitz war einmalig. Dank Heine entstand in Plagwitz das älteste planmäßig konzipierte Industrieviertel Deutschlands. Er ließ zudem Deutschlands ersten Industriebahnhof bauen, der zahlreiche Anschlüsse zu einzelnen Parzellen bot, auf denen sich Industrieunternehmen ansiedelten. Heines Bemühungen zahlten sich aus: Mitte der 1880er Jahre zählte Plagwitz ca. 16.000 Einwohner – etwa so viele, wie heute auch.

Karl-Heine-Straße - ~Andreas Schmidt
Karl-Heine-Straße in Leipzigs Westen Foto: Andreas Schmidt

Nachdem fast 150 Jahre die Schornsteine geraucht hatten, wurden nach dem Ende der DDR ab 1990 die meisten Betriebe liquidiert. Die Bevölkerung wanderte ab. Gespenstische Häuser, leere Fabrikgebäude, vom Gras überwucherte Bahngleise und verschmutzte Gewässer prägten Plagwitz. Nun waren abermals Visionen gefragt. Die Stadt und Investoren starteten ein Aufbauprogramm. Heute kann man die prachtvollen sanierten Backsteinbauten – darunter Konsumzentrale, Stelzenhaus, Mey & Edlich – bewundern und mit Booten die Wasserwege erkunden. In ehemaligen Fabrikhallen sind Lofts entstanden. Und in den Höfen, wo sich einst Schmiede, Dreher und Pferdeställe befanden, haben jetzt Künstler ihre Ateliers.

Plagwitz Sachsen
Foto: Dieter Weirauch

Leipzigs hippe Westkultur

Die ehemals größte Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas ist heute ein Ort mit höchster Kunstdichte. Sie wurde 1884 gegründet und produzierte bis 1989. Inzwischen ist die Fabrik Heimstatt für rund 80 Künstler, 10 Galerien, das LOFFT Theater und zahlreiche Läden. Die dreimal im Jahr stattfindenden Rundgänge gehören zu den Höhepunkten im Leipziger Kulturkalender. Nur 500 Meter weiter befindet sich das Kunstkraftwerk Leipzig, das sich seit 2016 als europäischer Hotspot für New Media Art profiliert. Schwerpunkt sind immersive Kunstprojekte, die in außergewöhnlicher Weise mit ihrer industriellen Umgebung korrespondieren und verschiedene Kunstformen miteinander verknüpfen. Ein weiteres Kunstareal befindet sich auf dem Gelände des Tapetenwerks in Lindenau. Die ehemalige Tapetenfabrik Langhammer und Söhne wurde 1873 gegründet und war die zweitgrößte Tapetenfabrik Deutschlands. Bis August 2006 wurde hier produziert. Seit 2007 ist das Tapetenwerk Produktionsstandort für Künstler, Designer, Architekten und kreatives Handwerk.  Eine touristische Attraktion ist auch das „Da Capo – Eventhalle und Oldtimermuseum“, das in der 1895 erbauten Landmaschinenfabrik Rudolph Sack beheimatet ist. Das Unternehmen war damals Marktführer in der Branche. Heute kann man eine der größten Sammlungen amerikanischer Oldtimer in Europa besichtigen.

Venezianische Impressionen in Plagwitz

Was hat Leipzig mit Venedig zu tun? Einst galt Leipzig als Seestadt. Alte Stiche aus dem 19. Jahrhundert bezeugen das noch heute. Dort sieht man die Messestadt Leipzig, umgeben von viel Wasser. Flüsse von über 200 Kilometer Länge schlängeln sich heute durch das Stadtgebiet und mehr als 100 Teichanlagen bieten Entspannung. Leipzig verfügt über ein außergewöhnliches Kanalsystem und über 479 Brücken – mehr als Venedig. Das brachte der Stadt den Beinamen „Klein-Venedig“ ein. Ein pfiffiger italienischer Wirt, der Inhaber des Ristorante Da Vito, hat sogar echte venezianische Gondeln nach Plagwitz importiert, so dass sich dem Ausflügler die Chance bietet, einen romantischen Hauch Venedig zu genießen.

Plagwitz
Foto: Weirauch

Bei einer Bootsfahrt auf Leipzigs Wasserwegen kann man entlang der Weißen Elster und des Karl-Heine-Kanals in Plagwitz bis in das Umland fahren. Sehr beliebt sind zum Beispiel Fahrten mit dem Ausflugsschiff MS “Weltfrieden” – einem alten Motorschiff vom Auensee – sowie individuelle Touren mit Kanu, Kajak, Katamaran und Ruderboot. Ein beliebter Ausgangspunkt für Bootstouren ist der Leipziger Stadthafen, nur rund 600 Meter vom Innenstadt-Ring entfernt. Hier gibt es auch einen Sandstrand und die Möglichkeit, Beach-Volleyball zu spielen. Aber auch am Klingerweg, in der Antonienstraße oder am Wildpark kann man bei Anbietern Boote ausleihen und geführte Bootstouren buchen. Für Wanderer und Radfahrer bieten sich die neu ausgebauten Rad- und Wanderwege entlang der Uferzonen an.  Das eindrucksvollste Fabrikschloss in Plagwitz sind die ehemaligen Buntgarnwerke an der Weißen Elster, die als Deutschlands größtes Industriedenkmal der Gründerzeit gelten. In den fünf Meter hohen Werkhallen wurden früher Garne mit Dampf gefärbt. Heute ist das Areal ein begehrter Lebens- und Arbeitsraum. Bei Fotografen besonders beliebt ist der Blick von der Elsterbrücke an der Industriestraße auf die Buntgarnwerke.

Plagwitz
Foto: Weirauch

Young, urban, creative – Leipzigs Szene

Weltbekannt ist Leipzig vor allem für Messe, Kultur und Musik. Aber als eine der angesagtesten Szene-Städte Deutschlands zieht Leipzig auch viele kreative Köpfe, Start-Up-Unternehmen und junge Künstler an. Neben Kultureinrichtungen wie dem einzigartigen Museum für Druckkunst Leipzig gibt es vor allem kleine Galerien und originelle Läden mit Charme. Leerstehende Industriegebäude werden zu Studios umfunktioniert und verlassenen Orten wird neues Leben eingehaucht. Das aus dem 19. Jahrhundert stammende Westwerk auf der Karl-Heine-Straße ist ein Schmelztiegel von Kunst, Musik und Kultur. Neben den Proberäumen lokaler Bands befinden sich die Ateliers etablierter Künstler und Büros erfolgreicher Architekten. In den Cafés und Freiräumen finden regelmäßig Veranstaltungen statt. Unmittelbar neben dem Westwerk befindet sich das Restaurant „Kaiserbad“, eine ehemalige Eisengießerei. Durch das außergewöhnliche Ambiente im Retro-Stil entwickelte es sich zu einem der beliebtesten Szene-Lokale in Plagwitz. Ein beliebter Anlaufpunkt ist auch die unweit entfernte Schaubühne Lindenfels, ein ehemaliges Ballhaus, sowie der 1890 erbaute Felsenkeller mit Ballsaal und Biergarten. Beide befinden sich auf der Karl-Heine-Straße, die sich in den letzten Jahren durch ihr buntes Publikum zu einer beliebten Szenemeile entwickelte.

Kunstkraftwerk Leipz~Andreas Schmidt
Kunstkraftwerk Leipzig Foto: Andreas Schmidt

Leipzig – die „cool-kid town“

Wer sich in Plagwitz mit Freunden unter freiem Himmel treffen und auf alten Sofas und ausrangierten Gartenmöbeln chillen möchte, wird sich auf dem Jahrtausendfeld, einem brach liegenden Grundstück der Stadt Leipzig, wohlfühlen. Aber auch im alternativen Biergarten „Zum Wilden Heinz“ kann man dem Großstadttrubel entfliehen und allerlei Köstlichkeiten genießen. Hier tummeln sich Familien mit Kleinkind ebenso, wie trinkfeste Metal-Fans. Eine Institution ist die Kultkneipe „Noch Besser Leben“ in der Merseburger Straße 25, die Wohnzimmer-Atmosphäre bietet. Hier erhalten regelmäßig junge Künstler eine Auftrittschance. Biergenießer werden sich im urigen „Joseph Pub“ wohlfühlen, der auch Klassiker wie Ratsherrensteak und Wiener Schnitzel anbietet. Wer abends die Karl-Heine-Straße entlang bummelt, fühlt, weshalb die „New York Times“ in ihrem Artikel vom 9. Januar 2020 Leipzig als „cool-kid town“ bezeichnete. Hier herrscht ein lässiges Lebensgefühl und internationales Sprachgewirr. Auf den Bordsteinkanten und vor den Hauseingängen diskutieren die Menschen entspannt miteinander. Alt- und Neuleipziger genießen gemeinsam das einzigartige Flair. Bis in den Morgen pulsiert auf der Straße und in den Szenelokalen das Leben…

Leipziger Baumwollsp~Andreas Schmidt
Leipziger Baumwollspinnerei Foto: Andreas Schmidt 

Reiseangebot „Industriekultur in Leipzig und Region“

Wer Leipzig im „Jahr der Industriekultur 2020 in Sachsen” besuchen möchte, kann bei der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH zu mehreren Terminen ein exklusives Reiseangebot buchen. Neben zwei Übernachtungen im Hotel enthält es eine geführte Motorbootfahrt auf dem Karl-Heine-Kanal und der Weißen Elster, die Phönix-Tour „Vom Bergbau zur Seenplatte“ durch das Leipziger Neuseenland und ein Besuch im Kunstkraftwerk Leipzig, siehe: www.leipzig.travel/reiseangebote.

Weitere Informationen:

www.leipzig.travel/industriekultur

und

www.leipzig.travel/wasserstadt