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Leipzig feiert 100 Jahre Bauhaus

Leipzig - Grassi (24)

Auch in Leipzig wird 2019 das 100-jährige Jubiläum der Bauhaus-Architektur gefeiert. Die architektonischen Meisterwerke der 1920er und 1930er Jahre werden anhand von thematischen Ausstellungen sowie der Möglichkeit, sich selbst auf die Spuren des Bauhaus in Leipzig zu begeben, gewürdigt. Einfachraus.eu hat sich in Leipzig umgesehen. Hier eine Zusammenfassung.

Die Spuren des Bauhaus in Leipzig

Auch die Leipziger Bauhaus-Architekten bündelten sowohl ihre individuellen Erlebnisse der Kriegs- und Nachkriegsjahre als auch Beispiele aus ihrem künstlerischen Umfeld in ihrer Arbeit. Stadtbaurat James Bühring nahm sich die Klinkerarchitektur als Vorbild für seine architektonischen Vorhaben in Leipzig, die vor allem dekorative Inspiration verkörperte. Daraus entstand gemeinsam mit den expressiven Konturen des art Déco eine Stilfusion, die im Volksmund „Zackenstil“ genannt wurde. Auch der Leipziger Stadtbaurat Hubert Ritter war von dieser Fusion der Stilrichtungen beeindruckt und bezog sie in den Entwurf für den Bau des Grassimuseums und die Gestaltung der eindrucksvollen „Pfeilerhalle“ ein.

Blick in die Pfeilerhalle des Grassimuseums in Leipzig
Blick in die Pfeilerhalle des Grassimuseums in Leipzig

Die Pfeilerhalle gilt als einer der schönsten Innenräume des deutschen Art Déco und strahlt seit ihrer Sanierung 2010 wieder in voller Pracht. Das Grassimuseum ist heute eines der größten Museumskomplexe Deutschlands und beherbergt drei Museen von internationaler Bedeutung. Die Entwürfe des kommunalen Bauens in Leipzig erhielten zunehmend eine Orientierung in Richtung des so genannten „Neuen Bauens“, da Hubert Ritter von seinen Beziehungen zum Bauhaus in Dessau und den Entwicklungen im fortschrittlichen Städtebau beeinflusst wurde. Vor allem der Bau von Wohnanlagen, der Neubau von Schulen und die Leipziger  Großmarkthalle, auch Kohlrabizirkus genannt, folgten diesem Architektur-Konzept.

Hier eine Auswahl unserer Tour auf den Spuren der Moderne in Leipzig

Versöhnungskirche

Die Versöhnungskirche im Stadtteil Gohlis wurde von 1930 bis 1932 nach einem Entwurf des Bauhaus-Architekten Hans Heinrich Grotjahn erbaut. Sie stellt ein wichtiges Beispiel für Kirchenbau der klassischen Moderne dar. Der Stahlbetonskelettbau entstand in bewusster Modernität. Der Architekt legte besonderen Fokus auf die Senkrechte durch Körperkanten und Wandöffnungen und hatte damit eine neuzeitliche Interpretation zu gotischen Kirchenbauten entdeckt.

Der Eingangsbereich der Kirche ist vor allem von einem Kreuzfenster aus Beton und einer farbigen Glasfüllung geprägt und bildet damit das Hauptmerkmal des Baus. Den Innenraum der Kirche ziert eine für den Bauhaus typische, auffällig klar gegliederte und bescheidene Einrichtung, die mit Bildkunstwerken ergänzt wird.

Das heutige Wahrzeichen von Neu-Gohlis ist der weiße 39 Meter hohe Glockenturm. Wegen der Gegebenheiten des Bauplatzes verzichtete man auf die übliche östliche Orientierung des Chores beim Kirchenbau. Die Kirche erstreckt sich daher in Süd-Nord-Richtung. Die Versöhnungskirche liegt in unmittelbarer Nähe zur gleichartig entworfenen Krochsiedlung.

Blick in die Feierkapelle der Versöhnungskirche

Grassimuseum

Zentrumsnah dagegen liegt das Grassimuseum. Es ist eines der größten Museumskomplexe Deutschlands und beherbergt heute drei Museen von internationaler Bedeutung: das Museum für Völkerkunde zu Leipzig, das Museum für Angewandte Kunst und das Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig. Der Gebäudekomplex wurde von 1925 bis 1929 nach Plänen der Architekten Zweck und Voigt unter der Oberbauleitung von Stadtbaurat Hubert Ritter erbaut.

Das Gebäude mit stilistischen Anklängen an Neue Sachlichkeit und Art Déco gilt als einer der wenigen deutschen Museumsneubauten aus der Zeit der Weimarer Republik. Bauhaus-Liebhaber finden hier ein ganz besonderes Schmuckstück vor: die Josef-Albers-Fenster im Haupttreppenhaus des Museums. Josef Albers, der unter Walter Gropius ausgebildete Bauhausmeister, entwarf die 18 Fenster aus Flachglas im Jahr 1927. Die bis zu sieben Meter hohen Fenster bestehen aus mundgeblasenem Überfangglas und gelten als flächengrößte Glasgestaltung der Dessauer Bauhausperiode. Im Zweiten Weltkrieg wurden die historischen Originale zerstört, jedoch konnten die Fenster durch Bildquellen originalgetreu rekonstruiert werden.

Architektonisch bedeutend ist auch die Pfeilerhalle des Grassimuseums, die sich nach der Rekonstruktion im Jahr 2010 wieder in ganzer Pracht zeigt. Der repräsentative Veranstaltungsraum wurde 1927 im Art-Déco-Stil errichtet. Die Pfeilerhalle gilt als einer der schönsten Innenräume des deutschen Art Déco. Das Grassimuseum macht durch den Kontrast zwischen der Art-Déco-Außenfassade und der typischen Bauhaus-Verglasung besonders eindrucksvoll die unterschiedlichen Haltungen der Stilrichtungen deutlich. Hier ein blick in die Sonderausstellung zum Bauhausjubiläum.

Konsumzentrale

Der „Consum-Verein für Plagwitz und Umgegend“ entstand 1884, um die unteren Gesellschaftsschichten mit preisgünstigen Konsumgütern zu versorgen. Schon bald gehörte der Verein zu den größten in Deutschland. So wurden die Verwaltungs- und Produktionsgebäude, in dem sich unter anderem Bäckerei, Molkerei, Mühle, Fleischerei und Kaffeerösterei befanden, schnell zu klein.

Das neue Gebäude wurde 1930 nach den Plänen von Fritz Höger, einem führenden Vertreter des norddeutschen Klinker-Expressionismus, gebaut.  Zu seinen bevorzugten Stilelementen zählte die Verwendung von Klinker zur Fassadengestaltung, was er auch in Leipzig einsetzte. Dazu verwendete er Meißner Verblendklinker. Der 180 Meter lange mit Klinkern verkleidete und mit Mauerwerk ausgefachte Stahlbetonskelettbau entlang der Industriestraße ist ganz auf die horizontale Wirkung gerichtet. Diese ist markant gestaltet durch Fensterbänder über die gesamte Fassade und den wie ein Trichter geformten Haupteingang. Der Bau mit seinen waagerechten Gliederungen und den Schüsselscheiben der Fensterverglasungen erzeugt den Eindruck eines vorbeifahrenden Schiffs. Die Konsumzentrale in Plagwitz kann als das Werk Fritz Högers bezeichnet werden, welches am deutlichsten den Gedanken der Moderne in der Architektur entspricht.

Nibelungensiedlung (Rundling)

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Wohnungslage in Leipzig kritisch – es fehlten 13.000 Wohnungen für 26.000 Wohnungssuchende. Diese neuen Anforderungen vereinte der Architekt Hubert Ritter in seiner kommunalen Rundbebauung in Lößnig, die von 1929 bis 1930 andauerte. Er orientierte sich an Bauten der Jungsteinzeit, die in Kreisstrukturen angeordnet waren. Der sogenannte Rundling wurde im Stile des Bauhaus errichtet und war Ritters Vision von modernem Wohnen. Die Kreisstruktur bündelt das Siedlungsleben und unterstreicht den Gemeinschaftscharakter des Wohngebietes. Die kreuzartig die Ringe durchschneidenden Quartierstraßen sind Sichtachsen, Gliederungselemente und Zugänge zugleich.

Er nutzte die ansteigende Bodenformation für eine Ringbebauung und ließ den inneren Ring noch ein Stockwerk höher bauen. Insgesamt besteht der Rundling aus 24 Häusern und weist am äußeren Ring einen Durchmesser von 300 Metern auf. Die Abstände der Häuser im mittleren Ring sind größer gelassen worden, um Blickbeziehungen von allen Punkten herzustellen.

Der Rundling beherbergt heute  609 Wohnungen in unterschiedlichen Größen und Grundrissen. Jede einzelne davon ist so konzipiert, dass sie optimale Lichtverhältnisse gewährleisten kann. Großen Wert wurde auch auf die Grünanlagen um die Gebäude herum gelegt. Ursprünglich gab es sogar ein Planschbecken

Weiterhin Sehenswert sind u.a.

Das Stelzenhaus

Als in Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg die Kriegsproduktion angekurbelt wurde, entstand von 1937 bis 1939 das Stelzenhaus als Erweiterung der Wellblechfabrik und Verzinkerei Grohmann & Frosch in Plagwitz. Die Firma fertigte Bleche für den U-Boot- und Flugzeugbau und wurde deshalb als kriegswichtig eingestuft. Das Stelzenhaus ist eines der interessantesten Beispiele für Bauwerke der industriellen Moderne in Leipzig. Die Planung übernahm Architekt Hermann Böttcher. Mit seinem Entwurf schuf er ein herausragendes Beispiel für Industriearchitektur in der Nachfolge der klassischen Moderne. Die Funktionalität des Gebäudes steht dabei im Vordergrund. Die Baumaterialien Backstein und Beton unterstützen diesen Anspruch. Aus Platzmangel entwarf der Architekt die Stahlbetonkonstruktion auf hohen Stelzen, die dem Komplex seinen Namen gaben: Die massive Lagerhalle schwebt gewissermaßen über dem Wasser des Karl-Heine-Kanals – eine Seltenheit. Der Standort am Elster-Saale-Kanal war schwierig zu bebauen, da die Fläche direkt an der Böschung zum Kanal liegt. Trotzdem entschied man sich wegen des geplanten Kanalausbaus zur Elbe für diesen Standort. Denn so wäre eine Verbindung zum Hamburger Hafen möglich gewesen. Es wurden 101 Betonpfeiler im Kanal verankert, welche die Grundplatte des Baus stützen und die vier Teile des Industriebaus tragen. Die Front am Kanal ragt über das Wasser hinaus. Heute befindet sich in dem Gebäude neben Atelier- und Büroräumen auch ein Restaurant.

Ausstellungen zum Bauhaus-Jubiläum

Vom 18. April bis zum 29. September 2019 zeigt das GRASSI Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung „Bauhaus_Sachsen“. Diese widmet sich den in Sachsen gebürtigen und tätigen Bauhäuslern und deren Wirken. Denn sowohl auf den Grassimessen wie auch in den Hallen der Mustermesse fanden die ambitionierten Künstler ihr Podium für neue Gestaltungsideen.

Auch das Museum für Druckkunst Leipzig würdigt das Bauhaus vom 30. Juni bis zum 27. Oktober 2019 mit der Ausstellung „Druckkunst 1919 – Das Bauhaus und seine Vorläufer im grafischen Gewerbe“. Mit einem Querschnitt durch das Jahr 1919 wird am Beispiel von Plakaten, Werbedrucksachen, Zeitschriften, Büchern, Schriftmustern und Fotografien gezeigt, wie innovativ das Druckgewerbe und die Gebrauchsgrafik in Deutschland kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs waren. Schon vor der Gründung des Bauhauses hat die Druckkunst die Sichtweisen auf moderne Gestaltung geprägt und beeinflusst.

Weitere Informationen zum Jubiläum “100 Jahre Bauhaus”: www.bauhaus100.de

Die Recherche in Sachsen wurde unterstützt von der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH und der Leipzig Information. Dank an Ines Nebelung und Andreas Schmidt.

Hier geht es zur TMGS Sachsen.

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