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Die Frauen am Bauhaus

Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, László Moholy-Nagy, Marcel Breuer und Johannes Itten – sind einige bekannte Vertreter der Moderne des 20. Jahrhunderts in Kunst, Musik, Literatur und Architektur. Sie lehrten am Bauhaus Dessau. Ihre Namen und ihr Werk sind bis heute bekannt.

Würdigung der Frauen am Bauhaus

Weniger bekannt sind Marianne Brandt, Gunta Stölzl, Margarete Heymann-Loebenstein, Margaret Leichner, Lucia Moholy oder Grete Stern. Dabei sind ihre Leistungen nicht weniger gelungen als die ihrer männlichen Bauhauskollegen. Aber: Über die Bauhaus-Frauen ist weniger bekannt. Dieses Desiderat hat jetzt UlrikeMmüller versucht zu schließen. Mit großem Erfolg, wie ich finde. (Ulrike Müller, bauhaus frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design. Elisabeth Sandmann Verlag GmbH, München 2019). Sie knüpft sozusagen an die Arbeit von Anja Baumhoff über Geschlechterklischees und frauenfeindliche Strukturen am Bauhaus (2001) an.  Neue Recherchen und Publikationen und Dissertationen mit unterschiedlichen thematischen Akzenten rücken Bauhaus-Frauen seitdem stärker in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit. „Sie werden zum hundertsten Geburtstag ihrer Schule und auch darüber hinaus mehr als ein Wörtchen in den öffentlichen Debatten um Kulturkritik, Genderpolitik, Architektur, alte und neue Utopien und die weibliche Moderne mitzureden haben, die es wieder zu entdecken oder neu zu verteidigen gilt.“ – so schreibt Verlegerin Elisabeth Sandmann im Januar 2019 im Vorwort zur Neu-Ausgabe „bauhausfrauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design“ von Ulrike Müller.

Einfühlsame Porträts

Bereits 2009 hatte die Kulturwissenschaftlerin, Herausgeberin und Autorin 20 “rebellische, unangepasste, schöpferische und ihrer Zeit weit vorausdenkende Bauhausfrauen“ vorgestellt. Zum ersten Mal wurden die Leistungen der Frauen am Bauhaus als eigene Gruppe in dieser Ausführlichkeit gewürdigt und mit internationaler Beachtung aufgenommen. „Eine Pionierarbeit von weitreichender Wirkung“ würdigt Elisabeth Sandmann die Arbeit von Ulrike Müller. Zehn Jahre später nun die Neu-Auflage, ergänzt durch die Aufnahme neuer Porträts von Bauhausfrauen wie Dörte Helm und Ré Soupault. Aktuelle Forschungen haben die Ausgabe von 2009 ergänzt. Sehr informativ, spannend, sehr gut illustriert mit großen charakteristischen Porträts der Bauhausfrauen und ihrer Werke. Ich bin sicher, auch dieser Band wird seine gebührende Aufmerksamkeit nicht nur unter den Fachleuten finden. In Chemnitz besuchten wir das kleine aber sehr informative Museum für Marianne Brandt. Dank der Marianne-Brandt Gesellschaft und ihres Vorsitzenden Dr. Jörg Feldkamp erfuhren wir viel zum Leben und Schaffen der Künstlerin.

Dr. Jörg Feldkamp, Chef der Marianne Brandt Gesellschaft Foto: Weirauch
Dr. Jörg Feldkamp, Chef der Marianne Brandt Gesellschaft Foto: Weirauch

Marianne Brandt (1893-1983)

Ein Kapitel widmet Ulrike Müller in ihrem fulminanten Band der Metallgestalterin Marianne Brandt. Von ihr ist bekannt, dass sich nicht in die „Frauenabteilung“ des Bauhauses, die Weberei, wollte. Sie ging in die Metallwerkstatt, „wo sie nach nur kurzer Lehrzeit neue Maßstäbe für das Metalldesign der klassischen Moderne setzte. Bekannt und berühmt sind bis heute ihre kugeligen und flachen Tee-Extraktkännchen, auch in der Ausstellung in Chemnitz zu sehen, vorzüglich präsentiert.

Ulrike Müller stellt jedem Porträt ein Zitat der jeweiligen Bauhausfrau voran. Das Porträt von Marianne Brandt wird mit einem Zitat aus ihrem „Brief an die junge Generation“ (1971) eingeführt: „Zuerst wurde ich nicht eben freudig aufgenommen. Eine Frau gehört nicht in die Metallwerkstatt, war die Meinung. Man gestand mir das später ein und hat dieser Meinung Ausdruck zu verleihen gewußt, in dem man mir vorwiegend langweilig-mühsame Arbeit auftrug. Wie viele kleine Halbkugeln in sprödem Neusilber habe ich mit größter Ausdauer in die Anke geschlagen und gedacht, das müsse so sein und ‚aller Anfang ist schwer‘. Später haben wir uns dann prächtig arrangiert und uns gut auf einander eingestellt.“

Designerin, Fotografin, Malerin und Bildhauerin

Obwohl bereits im Bauhaus Weimar mit hervorragenden Leistungen bekannt geworden, wurde Marianne Brandt erst 1929 am Bauhaus Dessau als stellvertretende Meisterin der Metallwerkstatt eingesetzt. Weniger bekannt ist, dass Marianne Brandt auch das Metier der Fotografie exzellent beherrschte. Von den etwa 50 Montagen, die sie schuf, sind heute noch rund 30 erhalten. Ihre abgebildete Photomontage „Helfen Sie mit! Die Frauenbewegte“ von 1926 löst nicht nur bei Ulrike Müller Beunruhigung aus, die in der Frage mündet ‚Wie viel Handlungsspielraum hat diese „Frauenbewegte“ in ihrer Zeit wirklich?‘ – Eine Frage, die auch direkt das persönliche Schicksal von Marianne Brandt berührt. 1933 brach ihre Karriere ab. Als Bauhäuslerin von den Nationalsozialisten in die Schublade der „entarteten Kunst“ sortiert, als offizielle Ehefrau von Erik Brandt nun unliebsame Staatsangehörige des Kriegsfeindes Norwegen und durch ständigen Materialmangel am künstlerischen Fortkommen gehindert, ging sie in die innere Emigration. Gleich 1946 trat sie in ihrer Heimatstadt Chemnitz wieder mit Ausstellungen an die Öffentlichkeit, engagierte sich im Kulturbund, in der Gewerkschaft, im Künstlerverband. Nach Dozentinnentätigkeiten an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden, Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, reiste sie 1953/54 nach China, um dort eine Ausstellung zu organisieren. – Nach ihrer Rückkehr war aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt geworden. Wieder wurde es still um Marianne Brandt. Diesmal bis in die siebziger Jahre. Die DDR bot keinen Raum für experimentelles Design und keine Anerkennung für individuelle künstlerische Leistungen. Die Abriegelung der DDR vom westlichen Ausland verstärkte noch die einengende persönliche Situation der Künstlerin. Inzwischen über 80 Jahre alt, müde, resigniert und krank griff sie in ihren letzten Lebensjahren in Kirchberg/Sachsen bei Karl-Marx-Stadt wieder zur Kamera, fotografierte in einer weitgehend isolierten Lebenssituation aus dem Fenster und holte sich so wenigstens die Außenwelt in ihr Zimmer. – schreibt Ulrike Müller in ihrem einfühlsamen und gut recherchierten Porträt.

Marianne Brandt Werke in Chemnitz Foto: Weirauch
Marianne Brandt Werke in Chemnitz Foto: Weirauch

„1999 dann, im Weimarer Kulturstadtjahr, sechzehn Jahre nach ihrem Tod, achtzig Jahre nach Gründung des Bauhauses, waren ihr Name und ihr Tee-Extraktkännchen auf einer deutschen Briefmarke abgedruckt – für eine Frau ein gewichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem Ehrenplatz neben den großen Meistern.“ Dank an Ulrike Müller, dass sie auf eine Abbildung der Briefmarke in ihrem Porträt über Marianne Brandt verzichtete. Die Abbildung der Montage und die beiden ausdrucksstarken Selbstporträts von Marianne Brandt sind um vieles ausdrucksstärker als die symbolische Briefmarke. Zumal sie um ein biografisches Porträt ergänzt werden, das das Schicksal der Marianne Brandt eindrucksvoll beschreibt. Es macht neugierig auf die weiteren Porträts der Bauhäuslerinnen in dieser Publikation, beispielsweise Gertrud Grunow, Ida Kerkovius (Lehrerinnen und Studierende der ersten Stunde); Gunta Stölzl, Benita Otto, Anni Albers, Gertrud Arndt, Otti Berger (Künstlerinnen der Weberei); Marguerite Friedlaender-Wildenain, Margarete Heymann-Loebenstein-Marks (Keramikerinnen); Ilse Fehling, Friedl Dicker, Lou Scheper-Berkenkamp, Dörte Helm (Mehrfachbegabungen in Malerei, Grafik, Bildhauerei, Bühnenarbeit und Raumgestaltung); Lilly Reich, Alma Siedhoff-Buscher, Marianne Brandt (Innenarchitektinnen, Möbel-Spielzeug- und Metallgestalterinnen); Grete Stern, Florence Henri, Ré Soupault, Ise Gropius, Lucia Moholy (Fotografie und Tagebuchnotiz). Im Bauhausjahr 2019 danke ich dem Elisabeth Sandmann Verlag für diese vieles erhellende Publikation. Möge es an die oft unterschlagene Rolle der Bauhausfrauen erinnern und weitere Forschungen unterstützen. Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt meist eine kluge Frau. Frauen haben es auch heute oft schwer sich zu behaupten. Die Bauhäuslerinnen haben Zeichen gesetzt mit ihrem Ideenreichtum und Durchsetzungsvermögen. In Chemnitz gibt es übrigens eine Marianne-Brandt-Straße. Diese Stadt hat spät, aber nicht zu spät die Bedeutung von Marianne Brandt erkannt.

Zum Buch

Ulrike Müller, bauhaus frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design. Elisabeth Sandmann Verlag GmbH, München 2019. ISBN 978-3-945543-57-3. 2. Auflage. ISBN: 978-3-945543-57-3 Preis 39,95 Euro, zum Verlag: www.esverlag.de

Infos zur Marianne-Brandt-Gesellschaft gibt es hier

Hier geht es zum Marianne Brandt Haus in Chemnitz