Reise

Der Herzogstand – Inspiration zwischen zwei Seen

14 herbstlicher Kochelsee c Tourist Information Kochel a. See, Thomas Kujat (7)Herbstlicher Kochelsee c Tourist Information Kochel a. See, /Thomas Kujat

Der Herzogstand – Inspiration zwischen zwei Seen

19.456 Schritte führen vom Tal auf den Gipfel von Kochels Hausberg. Beeindruckend schön blättert sich das Zwei-Seen-Land mit seiner schützenswerten Natur vor uns auf

Diese Aussicht hat absoluten Seltenheitswert: Denn, wer am Gipfelkreuz des 1731 Meter hohen Herzogstands steht, hat gleich zwei funkelnde Seen im Blick. Südöstlich erstrahlt in hellem Türkisgrün Bayerns tiefster Alpensee: der Walchensee, der seine karibische Farbe gelöstem Kalkgestein verdankt und fast 200 Meter bis zum Grund misst. Nordwestlich liegt dem Wanderer der tiefblaue Kochelsee zu Füßen, der von der kühlen Loisach gespeist wird. Staffelsee, Starnberger See, Ammersee, bei Föhn sogar München zeichnen sich im Norden ab. Im Süden erhebt sich hinter Karwendel- und Wettersteingebirge indes der Alpenhauptkamm. Doch so ein 360-Grad-Panorama will natürlich erst verdient sein. Unser zweieinhalbstündiger Aufstieg zum Gipfel beginnt an der Talstation der 1994 erbauten Herzogstandbahn, nur wenige hundert Meter vom Walchensee entfernt, über den der Wind, Surfer und Kiter fegen. 

Günther Stingl führt uns den kleinen Pfad hinauf, der sich den bayerischen Vorzeigeberg hinaufwindet. Im Zickzack geht es durch Fichten-, Kiefern- und Weißtannenwäldchen, unter Buchen und Ahornbäumen hindurch bis zum Herzogstandhaus. Das thront auf 1575 Metern über dem Meeresspiegel, errichtet auf den Grundmauern des Kocheler Königshauses Ludwigs II. Günther – das förmliche „Sie“ haben wir bereits beim Losmarschieren hinter uns gelassen – lebt seit seinem ersten Lebensjahr in Kochel am See. Jochberg, Rabenkopf, Sonnenspitze, die Berge der Region kennt der 74-Jährige wie seine Wanderwestentasche. Auch auf den Herzogstand, der zusammen mit seinem Nachbarn, dem Heimgarten, Kochels emblematischen Höhenzug bildet und dem Estergebirge vorgelagert ist, führt der Pensionär regelmäßig Gäste.

Vom Jagdrevier zum Schutzgebiet

Schon die bayerische Monarchie schätzte den Bilderbuchberg zwischen den zwei Seen. Was die herzöglichen Brüder Wilhelm IV. und Ludwig X. anging, jedoch vor allem als Jagdrevier. Die leidenschaftlichen Jäger tauften den früheren „Farchenberg“ im 16. Jahrhundert in „Herzogstand“ um. Erst Ludwig II., Bayerns Märchenkönig, wusste die Schönheit des Kochler Hausbergs wirklich zu würdigen. Gleich drei Pavillons – nur einer steht nach den häufigen Blitzeinschlägen auf dem exponierten Herzogstand noch heute – ließ der Naturfreund erbauen, um sich am (Vor-) Alpenpanorama zu berauschen. „Man erzählt, der Kini habe sich sogar sein Essen vom Königshaus zum Gipfelpavillon bringen lassen, um es dort in aller Stille zu genießen.“ Mit Günther dagegen gibt’s auf halbem Wege eine Brotzeit. Die schmeckt hier im langen Lahnergras mit Sicht auf das blaugrüne Gewässer, das während der gesamten Wanderung immer wieder zwischen den Bäumen durchblitzt, gleich nochmal so gut.

Sorgsam verstauen wir unseren Müll in den Rucksäcken. „Das gehört zum Bergknigge ebenso dazu wie auf den markierten Wegen zu bleiben und keine Blumen zu pflücken“, findet Stingl. Auch für Elisabeth Peyel vom Zentrum für Umwelt und Natur in Benediktbeuern spielt der Schutz der einzigartigen Natur im Zwei-Seen-Land eine wichtige Rolle. „Die Südseite des Herzogstands gehört bereits zum Vogelschutzgebiet Estergebirge, das zum ‚Netz Natura 2000‘ zählt“, erklärt die Diplom-Landespflegerin. „Natura 2000“ ist ein länderübergreifendes Schutzgebiet, mit dem die EU seit 1997 zum Erhalt wildlebender Pflanzen- und Tierarten beiträgt. Auerhahn, Schwarzspecht, Sperlingskauz, Uhu, Steinhuhn, sogar der Steinadler finden im Schutzgebiet Estergebirge Rückzugsräume. Zwar darf in Vogelschutzgebieten generell Land- und Forstwirtschaft betrieben werden, doch nur eingeschränkt, besonders, wenn dadurch die Habitate der Tiere bedroht würden. So sind auf dem Herzogstand etwa das Paragliden und das Drohnenfliegen untersagt.

Treffpunkt Gipfel für Seilbahnfahrer und Wandersleut‘

Günthers Fitnessuhr misst unsere Schritte. 19.456 werden es bis zum Gipfelkreuz sein oder 15,37 Kilometer und circa 900 Höhenmeter. Der Pfad schlängelt sich aus dem Mischwald heraus, es wird sonniger. Da kommt der kleine Wasserfall, der unseren Weg kreuzt, gerade recht. Frisches Bergwasser fließt über Nacken und Handgelenke und lässt uns das letzte Drittel bis zum Herzogstandsattel beschwingter gehen. Oben angekommen erwartet er uns schon: Ludwig II., oder zumindest seine 60 Zentimeter große Bronzebüste. So hat der alte König alle Besucher genau im Blick, die den Aufstieg gemieden und die 791 Meter Höhendifferenz bis zum Sattel mit der Seilbahn überwunden haben. In nur vier Minuten übrigens. Einmal im Jahr, am 25. August zu seinem Geburtstag, wird Ludwig wieder „lebendig“. Bernhard Ludwig Rieger, leidenschaftlicher Künstler, Kini-Kenner und -darsteller aus Krün, plaudert dann aus dem königlichen Nähkästchen und unterhält die Wanderer.

Heute leistet uns nur die Bronzeausgabe des Monarchen Gesellschaft, bis uns der Hunger wieder ins Tal treibt. Bequem gondeln wir mit der Seilbahn gen Walchensee. Im Strandcafé Bucherer bestellt Günter eine feine Linsensuppe mit Roter Bete, seine Gäste lechzt es indes nach den Kalorien aus den wirklich guten Schinkelnudeln. Nur ein paar Meter weiter gleiten noch immer Stand-Up-Paddler, Wind- und Kitesurfer über Deutschlands größten Gebirgssee. Zuverlässig wird ihn der Fallwind, der vom Herzogstand kommt, bis zum Abend streicheln.

Infos zum Zwei-Seen-Land

Tourist-Information Kochel am See, Kalmbachstraße 11, 82431 Kochel am See,

Tel.: +49 (0)8851 / 338, info@kochel.de, www.zweiseenland.de