Potsdam

In Potsdam ist Garnisongeschichte präsent – Volker Schobeß hat sie aufgeschrieben

Archiv Schobeß PotsdamVolker Schobeß

Weihnachten naht, hier ein Buchtipp: Volker Schobeß: „Chronik der Garnisonstadt Potsdam 1640-1994. Mit kriegsgeschichtlichen Anmerkungen und heereskundlichen Notizen.“ Trafo-Verlag-Berlin

Mit dieser Chronik stellt der renommierte Potsdamer Militärhistoriker Volker Schobeß eine der umfangreichsten stadt- und garnisongeschichtlichen Arbeiten der letzten Jahrzehnte vor. Das Buch umfasst in seiner Erinnerungskultur einen Zeitraum von 350 Jahren, beschreibt erstmals und sehr ausführlich die harten Straßenkämpfe in Potsdam des Jahres 1945. Ebenso werden die letzten fünfzig Jahre deutscher Nachkriegszeit geschildert. Im Anhang findet der Leser eine „Schatullenabrechnung“ Friedrichs des Großen vor, aus der erstmals überhaupt sämtliche Abrechnungen über die „Langen Kerls“ aus dem berühmten Königsregiment hervorgehen.

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Offizier und Grenadier vom Königsregiment in Potsdam. Archiv Schobeß Potsdam

Beispiele für Militärgeschichte in Potsdam

Potsdams Geschichte war jahrhundertelang eng mit dem Militär verbunden. Ob die Soldaten der preußischen Könige, des Kaiserreichs, der Wehrmacht, der Nationalen Volksarmee oder der Russen: Sie alle haben Spuren hinterlassen. Wie in einem historischen Brennglas gestaltet sich ein Spaziergang durch Potsdamer Militär- oder Garnisongeschichte.

Mit dem Buch von Volker Schobeß: „Chronik der Garnisonstadt Potsdam 1640-1994. Mit kriegsgeschichtlichen Anmerkungen und heereskundlichen Notizen.“ (Trafo-Verlag-Berlin, ISBN 978-3-86465- 133-5) kann sich nicht nur der militärhistorisch Interessierte ein plastisches Bild über Potsdams Militärgeschichte machen. Bauliche Erinnerungen finden sich heuten noch viele in Potsdam. Man muss diese nur lesen können. Aus Kasernen oder einstigen militärischen Einrichtungen wurden nach 1990 Büros, Gerichte, Arztpraxen, Schulen oder Kulturstätten.

Hier einige Beispiele

Schiffbauergasse/Berliner Vorstadt

Auf der linken Seite der Berliner Straße, Höhe der Schiffbauergasse (vor dem VW-Designcenter) speisten einst die Offiziere des Leib-Garde-Husaren-Regimentes im Casino. In der gegenüberliegenden Kaserne, die 1891 bis 1893 für das Garde du Corps errichtet wurde, leistete zu DDR-Zeiten der heutige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck seinen NVA- Grundwehrdienst ab. Gegenüber prangt das Gelb der um 1840 unter Beteiligung von Karl Friedrich Schinkel errichteten Kaserne für das Leib-Garde-Husaren-Regiment.

Bis 1989 waren dort das Wehrbezirkskommando der NVA und eine Einheit der Sowjetarmee untergebracht. Daneben lädt Potsdams größter Biomarkt ein. Das Quartier um die Schiffbauergasse hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Kultur- und Gewerbestandort ersten Ranges gemausert. In der einstigen Garnisonwäscherei befindet sich das “Waschhaus”.

Künstler zogen in die einstigen Pferdeställe

Mangerstraße/Behlertstraße

Richtung Neuer Garten kommen wir an der Kreuzung Mangerstraße/Behlertstraße an einer weiteren Kaserne des Regimentes Garde du Corps vorbei, heute befindet sich das Nachwuchszentrum der Bundeswehr darin.

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Russische Offiziere 1946 beim Feiern in einer deutschen Wohnung in Potsdam Archiv: Schobeß
Das von den Sowjets aufgestellte Lenindenkmal verschwand Mitte der 90er Jahre
Das von den Sowjets aufgestellte Lenindenkmal verschwand Mitte der 90er Jahre

Die Straße am Neuen Garten gehen wir bis zur Leistikowstraße und sehen das prächtig restaurierte ehemalige Kaiserin-Augusta-Stift. Der Komplex, in dem heute Eigentumswohnungen sind, war 1902 als Neubau für das zuvor in Charlottenburg untergebrachte, 1872 durch Kaiserin Augusta für Adels-, Offiziers-, Pfarrer- und Beamtentöchter begründete Stift errichtet worden. Bekannt wurde es durch das Erinnerungsbuch “Mädchen in Uniform” von Christa Winsloe. Filmfassungen kamen 1931 und erneut 1958 mit Romy Schneider und Lilli Palmer heraus. Von 1945 bis 1994 verurteilte das Militärtribunal des KGB in der Stiftskapelle Hunderte politischer Häftlinge zum Tode oder zu langjähriger Haft im sibirischen Workuta. An diese Zeit erinnert das benachbarte einstige KGB-Gefängnis an der Leistikowstraße. Es ist heute eine Gedenkstätte.

Schräg gegenüber ist die Villa Quandt als Sitz des Theodor-Fontane-Archivs und des Brandenburgischen Literaturbüros wiedererstanden. Auch die benachbarte Villa Lepsius war nach dem Auszug des KGB im Jahr 1994 verwahrlost und wurde vor allem mit Sponsorenhilfe restauriert.

Russische Kolonie Alexandrowka

Entlang der Weinmeisterstraße kommen wir über die Beyerstraße und die Russische Kolonie Alexandrowka, die 1826/27 für die Sänger eines Soldatenchores angelegt wurde, am Schragen vorbei.

Hier, am Rande des Bornstedter Feldes, waren bis zu Beginn der 90er-Jahre russische Soldaten einquartiert. Das einstige Garnisonlazarett am Voltaireweg, hinter dem Hotel Dorint, beherbergt heute noble Wohnungen. Ebenso die zum Kasernenkomplex des 3. Garde-Ulanen-Regimentes gehörenden Pferdeställe an der Jägerallee. In früheren Wirtschaftsgebäuden haben das Kunsthaus Potsdam und die Buchdruckerei Ruess ihr Quartier. Kasernen gibt es viele in Potsdam, Graf-von-Schwerin-Straße am Bornstedter Feld ist nur ein Beispiel. Auch die einstigen Kasernen am Bornstedter Feld, wo einst Richard von Weizsäcker diente, beherbergen heute Räume der Fachhochschule und ein Gewerbezentrum. Das Militärgelände ist mit Wohnblöcken bebaut, der BUGA-Park und die Biosphäre entstanden auf einst militärisch genutzten Liegenschaften.

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Krongut Bornstedt, Übungsort der Reisengarte Lange Kerls

Justizgebäude in einstiger Unteroffiziersschule

Richtung Innenstadt, in der Jägerstraße, stehen wir großen Kasernenkomplexen gegenüber. Das Justiz-Zentrum auf der linken Seite, die ehemalige Preußische Unteroffiziersschule, war bis 1992 Sitz der Russischen Post war. Am Jägertor vorbei gehen wir in die Lindenstraße und sehen den vor vier Jahren mit Spenden wieder aufgebauten, fast 40 Meter hohen Monopteros des Großen Militärwaisenhauses. Er ist von der 4,78 Meter hohen Figur der Caritas bekrönt.

Alte Wache

Wir machen vor der Alten Wache Station. Der Bau wird an den Schauseiten von einer auf Säulen ruhenden Bogenhalle umschlossen. Wo heute in der Lindenstraße Wohnhäuser stehen, waren einst “Kasernen für Beweibte” (Nr. 28) oder ein Militärlazarett (Nr. 25).

Noch ein Thema ist wichtig, wenn man über Potsdam als Garnisonstadt spricht. In Potsdam gibt es keine offizielle Tour auf den Spuren der Hitler-Attentäter um Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944). Es gibt aber genügend Orte, um sich an die Männer des 20. Juli zu erinnern. Wir beginnen unsere Tour vor der Kapelle des St.-Josefs-Krankenhauses an der Allee nach Sanssouci, Nähe Luisenplatz. Dort wurde Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg zusammen mit ihrer Tochter Konstanze von Februar bis April 1945 betreut. Wie Konstanze von Schulthess in ihrem Buch “Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg – ein Porträt” berichtet, kam ihre Mutter am 5. Februar 1945 unter dem Namen “Frau Schank” mit ihrem am 27. Januar in Frankfurt/Oder geborenen Töchterchen in das katholische Krankenhaus. Wegen des schlechten Gesundheitszustandes wurde der Säugling notgetauft. Potsdam war Station einer langen Odyssee. Nach der Erschießung ihres Mannes im Berliner Bendlerblock war die schwangere Frau festgenommen und monatelang im KZ Ravensbrück in Einzelhaft gehalten worden. Schwer erkrankt, sollte Nina von Stauffenberg nach der Geburt ihrer Tochter mit einem Gefangenentransport aus Frankfurt/Oder nach Berlin verlegt werden, der aber wegen der Luftangriffe nach Potsdam umgeleitet wurde. Gräfin Nina von Stauffenberg sagte später, sie habe selten so viel Menschlichkeit und Güte erfahren wie im St.- Josefs- Krankenhaus bei den Borromäerinnen.

Volker Schobeß, der auch Mitglied des Fördervereins des Potsdam Museums ist sowie aktiv im Arbeitskreis Militärgeschichte, engagiert sich auch für den Aufbau des Turmes der Potsdamer Garnisonkirche.

Wo die Generäle liegen

Der Bornstedter Friedhof gilt gemeinhin als schönster Brandenburgs. Theodor Fontane, der ihn zusammen mit Bornstedt und seiner Feldmark als “Rückwand von Sanssouci” bezeichnete, schreibt: “Was in Sanssouci stirbt, wird in Bornstedt begraben.”

Und bei einem Rundgang finden wir dort auch Gräber von Generälen aus verschiedenen Epochen. Ebenso einer der ersten Lange Kerls.

Bornstedter Friedhof Potsdam Militär
Grabplatte des Christian Heinrich Wagenführer

Auch der 1897 in Potsdam gestorbene Emil Heinrich Ludwig von Albedyll  ruht dort: er war preußischer General der Kavallerie und Chef des Militärkabinetts von Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich III.. Seine Villa gegenüber der Russischen Kolonie Alexandrowka wird gerade restauriert.

Weitere Informationen zur Potsdamer Garnisongeschichte findet ihr hier:

Buchtipp, Neuvorstellung:

Volker Schobeß: „Chronik der Garnisonstadt Potsdam 1640-1994. Mit kriegsgeschichtlichen Anmerkungen und heereskundlichen Notizen.“

Beim Trafo-Verlag-Berlin, ISBN 978-3-86465- 133-5

327 S., mit mehr als 200 Abb. meist in Farbe, Softcover, 42,80Euro

Archiv Schobeß Potsdam Militär Buch
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