Churfranken: Auswandererbier aus Miltenberg

Ich bin ehrlich. Der Hinweis in dem Buch „111 fränkische Biere, die man getrunken haben muss“ (Emons Verlag), dass der Genuss fränkischer Biere süchtig machen kann, ist eingetreten.

Ich bin ständig auf der Suche nach diesen Bieren aus Franken, Churfranken und Bayreuth. Gern will ich heute mehr erzählen davon.

Vom steintrockenen Herrenpils über das vollmundige und naturtrübe Zwickl bis hin zum Rauchbier, Bambergs »flüssigem Schinken«: Nirgendwo auf der Welt ist die Biervielfalt größer als in Franken. In 275 Brauereien entstehen dort über 2.000 Sorten. Auch die Einheimischen kennen davon meist nur einen Bruchteil, denn jeder Ort trinkt am liebsten seine eigenen Märzen, Pilsner und Bockbiere – und viele werden wie anno dazumal nur aus dem Fass und nur im eigenen Wirtshaus ausgeschenkt. Norbert Krines hat sie alle verkostet und mit Martin Droschke die 111, die man unbedingt getrunken haben muss, zu einem Genussführer durch Deutschlands Bierparadies zusammengestellt. Ich habe das Auswandererbier der Brauerei Faust probiert und bei einer Führung durch das ehrwürdige Anwesen sehr viel über die Geheimnisse der Braukunst erfahren. Die kleine Brauerei in Miltenberg. Beim jüngsten  Wettbewerb um den „Meiningers International Craft Beer Award 2017“ erhielten die Brauer „Gold“ für die Biersorten Bayerisch Hell, Hefeweizen dunkel, Hochzeitsbier, Holzfassgereifter Eisbock 2014, Jahrgangsbock 2014 und Kräusen, dazu „Silber“ für sein Auswanderbier und seinen Dunklen Doppelbock.

Auswandererbier 1849

Über fünf Millionen Deutsche packten im 19. Jahrhundert ihre Siebensachen und begaben sich auf eine mehrwöchige, gefährliche Schiffsreise, um in den gelobten USA ein neues Leben zu beginnen. Die Geschichte eines dieser Emigranten hat die Brauerei Faust in ein außergewöhnliches, zugleich sündhaft teures Bier übersetzt. Man schmeckt die Hoffnung, die August Krug die Zustände an Bord hat ertragen lassen – die Enge, Unsicherheit und die katastrophalen hygienischen Verhältnisse. Das Indian Pale Ale „Auswandererbier 1849“ beeindruckt nicht nur durch seine 7,5 Prozent Alkohol.

Nicht minder berauschend ist die Fülle seiner Fruchtaromen. Nase und Gaumen sind betört von einem Bouquet aus Litschi, Mango und Zitrusfrüchten, das eine vage, verklärte Vorstellung von einem Paradies jenseits des Atlantiks zaubert. Indian Pale Ale, das ist ein im 18. Jahrhundert für lange Schiffstransporte entwickelter britischer Bierstil; dank überreichlich Hopfen verdarb es auch unter der Äquatorsonne nicht. Das Datum 1849 verweist auf das Jahr, in dem die Kämpfer der freiheitlichen 48er-Revolution zu Gejagten geworden waren. Wie Tausende floh August Krug, Sohn eines Brauereibesitzers aus Miltenberg am Main, in die Vereinigten Staaten.

Noch im selben Jahr eröffnete er in Kilbourn Town/Milwaukee sein eigenes Braugasthaus. 1850 folgten sein Vater Georg Krug, dessen acht Jahre alter Neffe August Uihlein und der Mainzer Joseph Schlitz. Gemeinsam beziehungsweise aufeinanderfolgend entwickelten sie die kleine „August Krug Brewery“ zum Branchenprimus. 1874 wurde sie in „Joseph Schlitz Brewing Company“ umbenannt, 1902 durfte sie sich als größte Brauerei der Welt bezeichnen.

Wie die Marke „Schlitz“ gibt es übrigens die Brauerei „Zum weißen Löwen“, die Georg Krug 1850 zurückließ, noch immer. Allerdings ist sie heute nach jener Familie benannt, in deren Alleinbesitz sie 1895 gelangte: Faust.

Die Brauerei „Faust“ hat fünf Gourmet Spezialitäten kreiert. Das „Johann Adalbert Hochzeitsbier“ erzählt die Geschichte der heutigen Brauerfamilie.

Informationen zur Brauerei Faust

  • Adresse: Brauhaus Faust, Hauptstraße 219, 63897 Miltenberg
  • Tel. 09371 97130
  • Internet: www.faust.de
  • Öffnungszeiten: Brauereiladen:
  • Jan.-März: Mo-Fr 8-17 Uhr, April-Okt.: Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa 10-18 Uhr,
  • So 11-16 Uhr, Nov, Dez: Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa 10-18 Uhr

Riesen Spezial: Flüssige Romantik

Im Jahr 1368 quartierte sich Kaiser Karl IV. acht Tage lang in Miltenberg ein, einem schmalen, in das enge Tal des Mains modellierten Städtchen. Gewohnt hat er in einer Herberge namens „Zum Riesen“. Die hatte damals schon zwei Jahrhunderte auf dem Buckel, darf sich heute Deutschlands ältestes Gasthaus nennen und ist allein schon wegen ihres schmucken Fachwerk-Ambientes einen Besuch wert.

Man kann annehmen, dass das, was dem gekrönten Gast dort als Bier kredenzt worden war, wie damals üblich mit allerlei Kräutern wie Schafgarbe und mitunter auch mit psychoaktiven Pflänzchen wie dem Stechapfel gewürzt war. „Gruit“ nannte man solche Biere, die auch ohne Hopfen auskamen und die übrigens noch lange nach der Einführung des Reinheitsgebots gebraut wurden.

An ganz so alten Rezepturen hat sich die Miltenberger Brauerei Faust dann doch nicht orientiert, als sie für den seit 2001 von ihr betriebenen „Riesen“ ein gleichnamiges historisches Pils beziehungsweise Lager kreierte. Biergeschichtlich verweist das Dunkelblonde auf die Epoche der Romantik, in der die Dichter und Denker die Schönheit des deutschen Fachwerks besangen. In die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts fallen aber auch technische Neuerungen, die zu einer Revolution des Brauwesens führten. Mit seiner ungewohnt üppigen Malzigkeit verneigt sich das „Riesen Spezial“ vor den Tüftlern, die damals nahezu zeitgleich die heute vorherrschenden Sorten Pilsner, Wiener und Münchner Malz erfanden. Reichlich Hopfen sorgt dafür, dass die Süße der gekeimten Gerste fein ins Bittere hin ausbalanciert ist und so die Süffigkeit, die der untergärigen Brauart ab 1845 zu ihrem weltweiten Siegeszug verholfen hat, quasi in ihrem Originalzustand nachvollziehbar ist. Wer wissen will, wie ein deutsches Pils ursprünglich geschmeckt haben muss, kann mit dem „Riesen Spezial“ in die Stunde null der modernen Bierkultur zurückreisen.

  • Gasthaus Zum Riesen, Hauptstraße 99, 63879 Miltenberg
  • Öffnungszeiten: Zum Riesen: Mo-Do 11-24 Uhr, Fr, Sa 11-1 Uhr, So 11-22 Uhr
Blick von der Brauerei Faust auf Miltenberg mit dem Main im Hintergrund. Foto: D.Weirauch

Hier geht es in die Region Churfranken.

  • Informationen zum Bierführer

  • Martin Droschke, Norbert Krines
  • 111 fränkische Biere, die man getrunken haben muss (Emons Verlag)
  • ISBN 978-3-95451-922-4
  • 16,95 Euro

Wer sind die Bierkenner ?

Martin Droschke, geboren 1972 in Augsburg, zog 1992 zum Studium der Philosophie, Pädagogik und Geschichte nach Nürnberg. Er arbeitete als freier Journalist und Literaturkritiker u.a. für den »Tagesspiegel«, die »taz« und die »Süddeutsche Zeitung« und lebt heute als freier Werbetexter und Autor in Coburg. Er beschäftigt sich seit einem Urlaub in Pilsen, der Geburtsstadt des gleichnamigen Bierstils, intensiv mit Gerstensäften und veröffentlichte bereits verschiedene Bücher zum Thema Bier.

Norbert Krines wurde 1973 im fränkischen Kulmbach geboren, der sogenannten »heimlichen Hauptstadt des Bieres«. Zum Studium der Germanistik, Sozialkunde und Geschichte wechselte er nach Bamberg, in die wahre Hauptstadt des Bieres, wo er als freier Autor und Dozent für Deutsch als Fremdsprache lebt. Seit 2001 ist er aktiver Heimbrauer. Im Januar 2011 startete er den Blog »Bier des Tages«, für den er jeden Tag ein Bier aus einer fränkischen Brauerei degustierte und beschrieb. Gemeinsam mit Martin Droschke veröffentlichte er 2016 den »Craft Beer-Führer Franken«.

Demnächst erscheint von den beiden Bierkennern im Verlag Emons ein Buch über Craftbier in Deutschland, ich bin gespannt.  Das Brauhaus Faust zu Miltenberg wurde zur Craftbierbrauerei des Jahres 2016 gekürt worden.

Übernachtungstipps für Churfranken

Extratipp: In Churfranken gibt es nicht nur den besten Rotwein Deutschlands, auch das berühmte Craftbier aus der Brauerei Faust kommt aus Churfranken. Es gibt auch verschiedene kleine Brennereien. Berühmt ist der Churfranken Bitter. Man bekommt ihn in Miltenberg in der Brennerei Bauer. Der Bitter erhielt im Jahr 2013 den Titel „Internationaler Kräuterlikör“.

Wie kommt man nach Churfranken ?

Mit dem Auto über die A3 von Würzburg kommend, Ausfahrt Wertheim, dann am Main entlang, über die A81, Ausfahrt Osterburken, über Buchen und Walldürn über die A3 von Frankfurt, Ausfahrt Stockstadt, über die ausgebaute B469 aus Richtung Süden über die A5 oder A67 bzw. von Norden kommend über die A45 auf die A3, Ausfahrt Stockstadt, dann über die ausgebaute B469. Mit der Deutschen Bahn zum ICE-Bahnhof Aschaffenburg. Von hier aus gibt es Anschluss nach Miltenberg und zu vielen weiteren der 19 Ortschaften Churfrankens. Infos über VAB (Verkehrsgemeinschaft am Bayerischen Untermain) www.vab-info.de

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